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Merkel und Westerwelle : Ein neues, altes Paar

Die Kanzlerin streichelt Westerwelle schon mal mit freundlichen SMS die Seele Bild: AP

Sie duzen sich und sind schon gemeinsam Cabrio gefahren: Das Verhältnis zwischen der Bundeskanzlerin Merkel und ihrem künftigen Vizekanzler Westerwelle hat auch nach vier Jahren großer Koalition eine feste Basis - obwohl persönliche Verstimmungen hinzu gekommen sind.

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          Es passiert nicht gerade häufig, dass sich Angela Merkel Redewendungen Gerhard Schröders zu eigen macht. Und wenn, dann macht sie es mit Bedacht. So auch, als sie zehn Tage vor der Bundestagswahl sagte, sie wolle in einer schwarz-gelben Regierung „schon als Koch auftreten“. Die implizite Stellenbeschreibung als Kellner konterte Guido Westerwelle mit dem freundlichen Hinweis, auch er könne sehr gut kochen, was Frau Merkel im übrigen durchaus wisse.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Derlei Nickeligkeiten muss man nicht allzu ernst nehmen. Das Verhältnis zwischen der Bundeskanzlerin und ihrem künftigen Vizekanzler hat auch nach vier Jahren großer Koalition eine feste Basis, obwohl zu der professionellen Rivalität zwischen Kanzlerin und Oppositionsführer auch einige persönliche Verstimmungen hinzu kamen. Als etwa kurz vor der Wahl die Spitzenrunde aller Parteien im Fernsehen platzte und sich Angela Merkels Kanzleramtsminister mit der einigermaßen fragwürdigen Frage zitieren ließ, solle sich „die Bundeskanzlerin etwa auf die gleiche Ebene Stellen wie die anderen Parteivorsitzenden“, da war für Westerwelle das Maß voll. Wenn es um sein Selbstwertgefühl geht, ist der FDP-Vorsitzende höchst empfindlich. Eigentlich weiß das die Kanzlerin, die ihm schon mal mit freundlichen SMS die Seele streichelt.

          Eine Cabrio-Fahrt und viele Telefonate

          Angela und Guido, wie sie sich seit Ende 2003 nennen, kennen einander seit den Tagen der Regierung Kohl/Kinkel, als sie noch Bundesumweltministerin war und er junger Generalsekretär der FDP. Berührungspunkte gab es wenige. Auch als Angela Merkel nach der Wahlniederlage 1998 als erste Frau Generalsekretärin ihrer Partei wurde, hatten beide wenig miteinander zu tun; die CDU war bekanntlich wegen der Aufarbeitung der Spendenaffäre mit sich selbst beschäftigt. Im Grunde kamen Angela Merkel und Westerwelle sich erst nach 2001 näher – inzwischen waren beide Vorsitzende ihrer Parteien. Damals kam es zur berühmten Fahrt in Westerwelles VW Cabrio.

          Weder Koch noch Kellner: Merkel und Westerwelle

          Wichtiger für die vertrauensvolle Beziehung als das medienwirksam vermarktete Foto waren regelmäßige Telefonate zwischen beiden im Folgejahr. Anfang 2002 musste Angela Merkel dem CSU-Vorsitzenden Stoiber die Kanzlerkandidatur überlassen, weil sie in der CDU nicht genügend Unterstützung gefunden hatte. Es war die Zeit, als sie tagtäglich gegen die Männerzirkel vom Andenpakt anrannte. Ihr ging es nicht gut und Westerwelle meldete sich häufig, sprach ihr Mut zu. Monate später, als ein antiisraelisches Flugblatt Jürgen Möllemanns Westerwelle den sicher geglaubten Wahlsieg kostete, war es dann Angela Merkel, die zum Hörer griff.

          Der Coup: Die Wahl Köhlers

          In dieser Zeit entstand eine regelrechte Kameradschaft zwischen beiden, wie die Kanzlerin später sagen wird. Man traf sich fortan regelmäßig zum Essen und plante gemeinsame politische Aktionen. Im Herbst 2003 begann die Arbeit an einem regelrechten Coup. Die Nominierung Horst Köhlers zum gemeinsamen Kandidaten von Union und FDP für das Amt des Bundespräsidenten, bei der die beiden Vorsitzenden gekonnt ihre Parteiflügel gegeneinander ausspielten und Stoiber ins Abseits stellten, diente auch der Stärkung ihrer jeweiligen Stellung im Machtgefüge. Angela Merkel war 2005 die unumstrittene Kanzlerkandidatin der Union und Westerwelle brachte alle Zweifler in seiner Partei zum Schweigen. „Angie“ und „Guido“, die ostdeutsche Protestantin und der Junggeselle aus Bonn, die Stoiber 2004 noch indirekt „Leichtmatrosen“ geschimpft hatte, wurden zum schwarzen-gelben Traumpaar.

          Beider Traum platzte bekanntlich am 18. September 2005 – und Westerwelle musste pikiert feststellen, wie schnell er vom Wunschpartner zum wenig beachteten Oppositionsführer degradiert wurde, den die Kanzlerin schon mal mit der Geschäftsführung des Bundestages austrickste, um ihm eine direkte Replik auf ihre Regierungserklärungen zu verweigern. Der Mann sei halt nicht der schlechteste Redner im Parlament, hieß es dazu in der CDU leicht verschämt. Doch gab es auch andere Signale: Als die FDP in barschem Ton die Sicherheitspolitik Schäubles kritisierte, erkundigte sich die Kanzlerin bei Westerwelle, ob der Innenminister einer künftigen schwarz-gelben Regierung im Weg stehen könnte. Die Antwort klang recht pragmatisch: Nö, das gibt uns Raum zur Profilierung. Man muss sich also keine allzu großen Sorgen machen um das Verhältnis der beiden.

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