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Linksbündnisse : Versuchslabor Saarland

So verabredete sich Frau Nahles mit Lafontaine zum Essen. In den Jahren nach 1999 hatte sie nach dem ersten Schock hin und wieder mit ihm zu tun. Nach dem Essen war es damit vorbei. Er hatte ihr freilich nicht gesagt, dass er der SPD den Rücken kehre, zur WASG gehe und mit der PDS eine neue Linkspartei gründen werde. Aber er sagte auch nicht, dass er es nicht tun werde. Das war Andrea Nahles Antwort genug. Dem Willy-Brandt-Haus war nun klar: Der macht das.

Er hat es gemacht. Und man kann ahnen, mit welch höhnischer Freude er vier Jahre später in Saarbrücken den Satz formulierte: „Ich freue mich, dass wir durch unser Ergebnis der SPD eine neue Machtperspektive eröffnet haben.“ Da die SPD an der Saar anders als in Thüringen vor der Linkspartei liegt (wenn auch nur drei Prozentpunkte), muss Heiko Maas nicht um das Amt des Ministerpräsidenten kämpfen, und Lafontaine bleibt eine Rückkehr ins Saarland erspart. Er wird aber von Berlin aus mitregieren. Das ist den Genossen klar - und in gewisser Weise auch lieb. Denn Lafontaines Statthalter in Saarbrücken ist ein gewisser Rolf Linsler, den Genossen zwar für ebenso illoyal halten wie Lafontaine, aber nur für halb so professionell.

„Wegen der verdammten Agenda 2010“

Linsler ist der SPD wohlbekannt: Er war Landesvorsitzender der ÖTV, später von Verdi. Er selbst hat sich die übliche Legende eines abtrünnigen Sozialdemokraten westdeutscher Provenienz aufgebaut: „Wegen der verdammten Agenda 2010“ sei er nach 35 Jahren in der SPD zur Linkspartei gegangen. In seiner früheren Partei wird indes auf den Umstand hingewiesen, dass der Wechsel erst 2007 stattfand, also nicht gerade auf dem Höhepunkt der Hartz-IV-Debatten, sondern zu einer Zeit, als Kurt Beck hier und da die Agenda-Politik der SPD korrigierte.

Mit dem Jahr 2007 habe es auch eine andere Bewandtnis: Linsler, Jahrgang 1942, wurde pensioniert, wollte sich aber nicht aufs Altenteil schicken lassen und suchte neue Betätigungsfelder. Er wandte sich an die SPD und vergaß nicht zu erwähnen, er könne ansonsten erwägen, in die Linkspartei zu wechseln. Die Genossen seien ihm entgegengekommen, boten unter anderem Aufsichtsrats- und Verwaltungsratspöstchen an, doch das schien ihm nicht zu reichen. Nun müssen die Sozialdemokraten künftig wohl mit Linsler als Minister leben. Dass sie im Zweifel Lafontaine in Berlin anrufen können, ist da für manch einen entlastend.

Nicht der Einzige, dem es um Vergeltung geht

Die Hoffnung der Genossen an der Saar ist eine doppelte: Die Linkspartei soll zum einen in einem rot-rot-grünen Bündnis ihre handwerklichen Schwächen offenbaren und durch den Zwang zum Kompromiss, den es in jeder Regierung gibt, programmatisch entzaubert werden. Zum anderen hofft man auf die Zeit nach Lafontaine. Ohne diesen, so die Annahme, wird die Linkspartei an der Saar 2014 auf Normalmaß gestutzt und die SPD wiederhergestellt. Genau dies ist auch die Hoffnung der SPD-Linken im Bund. Wenn Lafontaine den erwarteten Schritt zur Seite gesetzt hat, soll die Linkspartei nicht weiter durch ex cathedra verkündete Berührungsverbote theologisch aufgeladen, sondern im politischen Diesseits entlarvt werden.

Die Motive für Lafontaines Verhalten in den vergangenen vier Jahren wurden vielfach im Persönlichen gesucht. Er ist indes nicht der Einzige, dem es um Vergeltung geht.

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