https://www.faz.net/-ge2-14366

Lafontaine zieht es ins Saarland : „Ein Affront gegen Rot-Rot-Grün“

Lafontaine, Ulrich und Maas: Auf dem Weg zu einem rot-rot-grünen Bündnis? Bild: ddp

Lafontaine will sich auf die Arbeit im Saarland konzentrieren - dort sorgt seine Ankündigung nicht nur für Freude. Grünen-Chef Ulrich fürchtet, er werde sich als Neben-Ministerpräsident aufspielen. Lafontaines Rückkehr könnte so die Grünen dazu bewegen, doch lieber mit der CDU und FDP zu koalieren.

          5 Min.

          Hubert Ulrich ist erzürnt: „Das ist ein unglaublicher Vorgang, ein Affront gegen Rot-Rot-Grün.“ Eine wahre Suada lässt der saarländische Grünen-Vorsitzende los, minutenlang - um mit der Bemerkung zu schließen: „Darüber werden wir noch zu reden haben.“ Es ist der Tag an dem die Gerüchte erst entsprungen waren, um sich dann stündlich zu verdichten, bis dann klar war: Oskar Lafontaine wird nicht mehr als Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im Bund kandidieren. Stattdessen will er sich voll dem Amt des Bundesparteivorsitzenden widmen - und dem des Fraktionsvorsitzenden im saarländischen Landtag.

          Oliver Georgi
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Der letzte Punkt bedeutet für das Saarland, wo nach der Landtagswahl Ende August eine Patt-Situation herrscht und die Grünen an diesem Sonntag entscheiden wollen, mit wem sie Koalitionsverhandlungen eingehen - mit CDU und FDP oder mit SPD und Linkspartei - , einen politischen Paukenschlag. Denn das Verhältnis von Grünen und Linkspartei gilt als angespannt; viele bei den Grünen hatten nach der Wahl zur Bedingung für ein rot-rot-grünes Bündnis gemacht, dass Oskar Lafontaine im Land keine allzu große Rolle spielt und sich stattdessen vollends in die Bundespolitik verabschiedt.

          Lafontaine als Neben-Ministerpräsident?

          Und auch Lafontaine selbst hatte nach anfänglichem Murren beständig versichert, unter einem SPD-Ministerpräsidenten Heiko Maas werde er nicht arbeiten und stattdessen nach Berlin gehen, wenn die Linkspartei bei der Landtagswahl hinter der SPD rangiere. Entsprechend verstimmt reagiert Hubert Ulrich: „Erst sagt er, er geht weg, und jetzt, zwei Tage vor unserem Parteitag, installiert sich auf einmal als Neben-Ministerpräsident neben Heiko Maas.“ Der eigentliche saarländische Ministerpräsident, fürchtet Ulrich, würde dann nicht Maas, sondern Lafontaine heißen - eine kaum akzeptable Vorstellung für den Grünen-Vorsitzenden.

          Bei der Linkspartei bemühte man sich am Freitag um Schadensbegrenzung: Er verstehe die ganze Aufregung nicht, sagte der Landesvorsitzende Rolf Linsler. So sei in der Partei schon länger klar gewesen, dass Lafontaine den Fraktionsvorsitz im Saarland behalten werde: „Er hat nie davon gesprochen, dass er das nur vier Wochen machen wird.“ Im Übrigen müsse Maas keine Angst vor einem „Neben-Ministerpräsidenten“ haben: „Lafontaine führt die Fraktion und Maas die Regierung. Es gibt keine Konkurrenz zwischen einem Fraktionsvorsitzenden und dem Ministerpräsidenten.“

          Die Verstimmung bei den Grünen kommt aber nicht von ungefähr: Neben dem generellen Misstrauen, das viele in der Partei gegenüber Lafontaine hegen, seit der erst der Bundesregierung und dann der SPD den Rücken kehrte, haben es ihm in der Partei viele nicht vergessen, dass er im saarländischen Wahlkampf äußerst rüde gegen die Grünen kämpfte und sie gar aus dem Landtag drängen wollte. Die Grünen wiederum reagierten auf diese Angriffe mit Wahlplakaten, auf denen eine Napoleon-Karikatur zu sehen war. Der Spruch dazu: „Lügen haben kurze Beine und lange Nasen.“

          Wackliger Laden Linkspartei

          Vor allem Hubert Ulrich ist Lafontaine in herzlicher Feindschaft verbunden, die in den Sondierungsgesprächen nach der Wahl nur dadurch gelindert wurde, dass Lafontaine äußerst konstruktiv auftrat und sein Bemühen erkennbar war, wirklich gemeinsam eine Regierung zu bilden.

          Und doch gibt es da noch die andere Seite bei den saarländischen Grünen - jene, die Lafontaine zwar nicht mögen, es aber durchaus begrüßen, dass er sich jetzt voll der Landespolitik widmet, weil sie sich davon mehr Professionalität und politische Reife versprechen. Denn das politische Personal der saarländischen Linkspartei, allen voran der frühere Fraktionsvorsitzende Rolf Linsler, halten viele bei der politischen Konkurrenz schlicht für nicht ministrabel. Wenn einer den wackligen Laden der Linken überhaupt zusammenhalten könne, heißt es, dann Lafontaine.

          Weitere Themen

          Angela Merkels letzte Befragung Video-Seite öffnen

          Im Bundestag : Angela Merkels letzte Befragung

          Bei ihrer Befragung im Bundestag hat Bundeskanzlerin Angela Merkel unter anderem das ungarische Gesetz deutlich kritisiert, das Materialien über Homosexualität und Geschlechtsumwandlungen an Schulen zensiert.

          Topmeldungen

          2:2 gegen Ungarn : Ein denkwürdiges deutsches Drama

          Es ist ein Abend des puren Nervenkitzels: Lange droht dem DFB-Team ein Debakel wie bei der WM. Der eingewechselte Leon Goretzka verhindert das EM-Vorrundenaus mit dem späten Ausgleich gegen Ungarn.
          Hoffnung auf Herdenimmunität: Menschen in der Fußgängerzone der Münchener Innenstadt

          Neue RKI-Zahlen : Immer mehr Delta-Infektionen

          Die Inzidenzen sinken weiter. Doch laut RKI hat sich der Anteil der Delta-Variante bei den Neuinfektionen seit vergangener Woche fast verdoppelt. Dennoch: Die Bundesländer bleiben gelassen.
          Der Berliner Erzbischof Heiner Koch am 29. Januar bei der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Berlin

          Missbrauch im Erzbistum Berlin : Ein Erzbischof ringt um Worte

          Die Beschäftigung mit dem Trauma sexualisierter Gewalt höre nie auf, berichtet ein Opfer. Sie müsse sich dafür rechtfertigen, für die Kirche zu arbeiten, berichtet eine Seelsorgerin. Eine Anhörung in Berlin erschüttert Erzbischof Koch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.