https://www.faz.net/-ge2-13tjt

Guido Westerwelle : Der große alte Mann der FDP

Lächelt heute über seine „Schnapsideen” von früher: Westerwelle auf dem Bundesparteitag im Mai Bild: dpa

Guido Westerwelle hat das Clownskostüm gegen die Staatsmannsuniform eingetauscht, und die lange Zeit der Albernheiten ist längst dem Habitus des Gentleman gewichen. Jetzt muss seine Partei nur noch mitregieren.

          5 Min.

          Durch Guido Westerwelle geht ein Ruck, als sei elektrischer Strom in seine Glieder gefahren. Für Sekundenbruchteile legt er seine Rechte an den Ellbogen des Lebensgefährten an seiner Seite; eine Handreichung in ein derzeit ungelebtes Leben. Dann öffnen sich hohe Türen. Westerwelle betritt eine Wahlkampfarena. Aus dem Curio-Saal an der Rothenbaumchaussee brandet Beifall, ein Schlager der achtziger Jahre hämmert Westerwelle ans Trommelfell: „Don’t stop thinking about tomorrow!“ Der Spitzenkandidat der Partei schreitet langbeinig mitten ins Hamburger FDP-Milieu, reckt die Rechte steil empor, als wolle er nach den Kristallleuchtern greifen. Plakate mit seinem Namen schießen in die Höhe. Etwa fünfhundert springen von den Stühlen. Erfolgsmänner in blau-weiß gestreiften Hemden, bunten Hosen, handgenähten Lederschuhen applaudieren genauso heftig wie Unternehmerinnen von Fünfzig im Burberry-Look ihrer englischen Mädchenträume und zart geschminkte blonde Studentinnen im Gewande ihrer künftigen Schwiegermütter. Das Ganze wirkt wie eine Eigentümerversammlung in Kampen auf Sylt. Die Hamburger FDP ist nicht gerade die stolzeste Truppe der Partei: zerstritten und chronisch erfolglos, obgleich dort alles nach affinem Milieu duftet. Für Westerwelle ist hier niemand zu gewinnen, alle gehören längst dazu. Keine Hinzukommer.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Hinzukommer, das sind die Leute, die Westerwelle bei seinen Wahlkampfveranstaltungen haben will. Leute, die bei seinen öffentlichen Auftritten zwischen Flensburg und Konstanz zufällig vorbeikommen, stehenbleiben und nicht mehr weggehen. Für die wirft er sich ins Zeug, diese Bewohner der „Mitte der Gesellschaft“ will er gewinnen. In Schwerin, am Nachmittag zuvor, hatte er im milden Herbstlicht seine Dr.-Guido-Westerwelle-Sprechstunde abgehalten. Die Krankheiten der Gesellschaft hatte er beschrieben – den schrumpfenden Mittelstand, die bangende Familie des Handwerkers, der „mit seinem letzten Hosenknopf“ ums Überleben kämpft, die Bildungsmiseren, das ideenlose Regime der Schwarz-Roten – und dann seine Rezepte verteilt. Steuern senken, in Bildung investieren, Leistung fördern. Alles klingt danach, als würden er, Dr. Westerwelle und seine FDP-Assistenzärzte, vom 28. September an das Land heilen von Verzagtheit und vor allem von der Steuerpest: riesengroße Freibeträge, drastischer Rückschnitt bei der „kalten Progression“ und dann die Steuerstrukturreform. Das alles steht bei der FDP auf dem Zettel. Für sich selbst plant Westerwelle allem Anschein nach eher eine Rolle als Außenminister im Weltspital und weniger an den heimischen Operationstischen der Krise.

          Heimlichtuerei für den Parteifrieden

          Weitere Themen

          Wenn das Zugpferd lahmt

          FAZ Plus Artikel: FDP in der Krise : Wenn das Zugpferd lahmt

          Die FDP dümpelt nur noch bei fünf Prozent, ihr Vorsitzender Christian Lindner wirkt unmotiviert und auch an Linda Teuteberg gibt es Zweifel. Sind die Tage der Generalsekretärin gezählt?

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.