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Frank-Walter Steinmeier : Der Kandidat

  • -Aktualisiert am

fw für Frank-Walter: Wahlkampflogo Bild: ddp

Dass Frank-Walter Steinmeier Beamtenapparate führen kann, hat er in seiner Karriere hinreichend bewiesen. Deutlich schwerer fällt es ihm, als Kanzlerkandidat im Wahlkampf die Menschen auf den Marktplätzen für sich zu begeistern.

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          Quer durch die Republik hat es sich herumgesprochen, was zu tun sei. Es scheint, als freuten sich die Leute in den abgesperrten Arealen schon auf die Gelegenheit, ihrem Unmut einmal kräftig Luft zu machen. Zum Eingang pflegt Frank-Walter Steinmeier die Arme auszubreiten. Was er nicht alles habe lesen müssen, weshalb die SPD keine Chance habe, lautet das Introitus. Umfragen, Leitartikel. Die Moral und den Mut habe man ihnen, den Sozialdemokraten, und auch ihm, dem Kanzlerkandidaten nehmen wollen, was fast schon nach Otto Wels 1933 im Reichstag klingt. Ministerposten würden bei der FDP schon verteilt, das Fell des Bären also, ehe der erlegt sei.

          Die Leute sind ruhig, sie ahnen, was kommt. Solms, der ehemalige FDP-Fraktionsvorsitzende, solle Finanzminister werden, ruft der Redner. Die Leute schweigen. Die erwartete Stelle ist nahe. Und Guido Westerwelle solle Außenminister werden. Buh, Buh, rufen die Leute in die Kunstpause des Redners. Buh. Arme ausbreiten. Es komme noch besser, ruft Steinmeier: „Der Guttenberg will auch Außenminister werden.“ Die Leute lachen. „Was für ein Getümmel.“ Dann pflegt der Kanzlerkandidat der SPD zu lächeln, als wundere er sich immer noch, dass die immer gleiche Stelle die immer gleiche Reaktion hervorruft. In Hannover und Köln, Mainz und Bochum und sicher auch sonst überall. Er schiebt das „Hochmut kommt vor dem Fall, auch bei Wahlen“ hinterher. „Immer kam es anders“, ruft er, 2002 und 2005, und so werde es diesmal auch sein.

          „So sehen Kanzler aus“

          Jawoll, rufen die Leute, und abends, wenn es dunkel ist, singen sie: „So sehen Kanzler aus!“ Der Kandidat winkt. Dann werden Tische herangeschleppt, und Steinmeier gibt Autogramme. Zwanzig Minuten setzen die Bewacher ihren bösen Blick auf. Mit dem Flugzeug geht es zum nächsten Termin. Steinmeier begrüßt nicht nur die Damen und Herren, die Genossinnen und Genossen, sondern gleich die ganze Stadt. „Guten Abend“ – Nürnberg, Brandenburg, Emden. Die Bürgermeister, so sie der SPD angehören, schauen dann stolz nach vorne.

          Zusammen regieren - gegeneinander im Wahlkampf:Außenminister Steinmeier und Kanzlerin Merkel

          Es ist das erste Mal, dass Frank-Walter Steinmeier sich beim Volk um ein politisches Mandat bewirbt. Es ist das erste Mal, dass er auf Marktplätzen und in Hallen zumeist zwei Mal am Tag die gleiche Rede zu halten und um Zustimmung und Sympathie zu werben hat. Bis 2005 war er ein Spitzenbeamter, Gerhard Schröders bester Mann. Nicht im Bundestag war er und auch in keinem kommunalen Parlament. Die Stehtische, an denen die Parteileute Handzettel und Luftballons verteilen, waren ihm fremd. Warum er eigentlich, hatte ihn vor Jahr und Tag ein ihm wohlgesinnter FDP-Politiker gefragt, in Schröders Zeiten nicht auf dem Titel „Kanzleramtsminister“ beharrt, sondern sich mit dem des Staatssekretärs begnügt habe. „Weil ich Beamter bin“, wurde er vernommen.

          Mit dem „schrödern“ hat er aufgehört

          Nachdem ihm sein Freund aus Brandenburg, Matthias Platzeck, zu einer Direktkandidatur für den Bundestag verholfen hatte, konnte er, an der Havel, die neue Rolle üben. Seit nun gut einem Jahr weiß er, dass es nicht bloß um einen Wahlkreis geht. Dass er „Kanzler kann“, hatten sie ihm zugetraut. Aber Kanzlerkandidat, Wahlkämpfer? Brigitte Zypries, ihm schon aus Studentenzeiten bekannt, war in einem der Fernsehporträts mit dem „O-Ton“ zitiert worden, diese Eigenschaft müsse er noch beweisen. Zweifel? Sie habe ihm versichert, sagt er, ihre Anfügung, genau dieses tue er gerade, sei gelöscht worden. Steinmeier ist nicht bloß der nette, zuhörende, nicht überhebliche Politiker. Er hat gelernt, Apparate zu beherrschen und gefügig zu machen. Seine Härte bewies er im vergangenen Jahr, als er seine Kandidatur durchsetzte und Kurt Beck darüber den SPD-Vorsitz niederlegte. Steinmeier steht zu den Entscheidungen vom „Schwielow-See“. Er hält sie für richtig. Keine andere Möglichkeit habe es damals gegeben.

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