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Fernsehjournalisten : Ihr seid die Langweiler!

Wolf von Lojewski, Dieter Kronzucker, Werner Sonne und Steffen Seibert (v.l.) bei Kerner Bild: Wolfgang Lehmann

Einschläfernd, quälend, nichtssagend: Jede Klage, die Fernsehmacher in diesem Wahlkampf über Politiker führen, können wir gegen sie verwenden. Die Fernsehjournalisten sind es, die uns das politische Interesse abgewöhnt haben.

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          Die Sendung von Johannes B. Kerner gab uns Dienstagnacht Antwort auf Fragen, die uns seit langem bewegen. Da saßen vier Fernsehjournalisten, die nur Richtiges sagten, die wissen, woran die Politik, das System, das Land krankt: an der Langeweile, am Verdruss, an einem existentialistischen Ekel vor der Politik.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Angela Merkel sei, wenn keine Kamera läuft, blitzgescheitschnell, schlagfertig und witzig, einfach umwerfend, sagt Wolf von Lojewski. Doch sobald die Sendelampe brennt, sprechen „unsere Politiker eine sehr seltsame Sprache“. „Einschläfernd“ und ein „sehr quälendes Erlebnis“ sei das. Da habe er Gorbatschow und Bush und all die anderen interviewt, grämt sich der ARD-Mann Werner Sonne, und auf welches Gespräch stupsen ihn die Leute an? Auf das mit Horst Schlämmer. „Kein Interview hatte eine solche Wirkung.“ Ihn stimme „nachdenklich, dass eine Kunstfigur wie Horst Schlämmer“ eine solche Popularität erringen könne. „Die großen Parteien fahren auf Sicht“, sagt der „heute“-Moderator Steffen Seibert. Hätten wir doch bloß einen wie Obama, ein „Streetkid“, einen „Fighter“, sagt der Kollege Dieter Kronzucker. Haben wir doch, wenden die anderen ein. Bei uns ist eine ostdeutsche Physikerin an der Macht, was will man mehr? Und den tollen Guttenberg, der sogar Platten auflegen kann.

          Langeweile, trostlose Sprache und der Qualitätsabfall gegen Amerika – all das mag stimmen, doch es stimmt vor allem für das deutsche Fernsehen. Stimmig wäre allein die Selbstanklage: Wir sind die Langweiler! Ihr seid das Volk! Denn auch an diesem Abend war das Gespräch des Fernsehens über die abwesende Politik genau so, wie das Fernsehen die Politik beschreibt und inszeniert: einschläfernd und nichtssagend. Dieter Kronzucker fragt sich bei Politikern: „Wer sieht in Badehose gut aus?“ Das sollte ein Witz sein, wenig später aber will er vom Kollegen Sonne wissen, ob der seine grüne Krawatte noch wegen des Besuchs bei Jürgen Trittin trage. An den Krawatten sollt ihr sie erkennen – Frank Plasberg trug beim „Duell“ mit Merkel und Steinmeier schon gar keine mehr.

          Typisches deutsches Politfernsehen

          Das war eine Dreiviertelstunde typisches deutsches Politfernsehen, wie es seit Tagen, Wochen, Monaten, wenn nicht Jahren ist. Die letzte spannende politische Sendung, an die wir uns erinnern, liegt genau vier Jahre zurück. Da widersprach der ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender dem gerade abgewählten Gerhard Schröder, der glaubte, er habe gewonnen. Seither findet Politik im Fernsehen in spannender Form nur ausnahmsweise auf dem Bildschirm, vor allem aber hinter den Kulissen statt, etwa wenn beschlossen wird, dass der freche ZDF-Chefredakteur gehen muss. Wo kämen wir auch hin mit jemandem, von dem man vor Beginn der Sendung nicht weiß, wie er sich verhält und was er am Ende fragt?

          Man wünschte sich, die Fernsehmacher würden morgens nicht vor den Spiegel treten, um sich zu pudern oder glattzurasieren, sondern um sich selbst zu erkennen. Denn sie sind die Langweiler, nicht die Politiker. Die Langweiler, die sich selbst inszenieren, die aufgehört haben, Fragen zu stellen, die nichts wissen wollen, selbst von der Kanzlerin und ihrem Stellvertreter beim „Duell“ nicht, sondern sich anschließend selbst kommentieren wie Maybrit Illner im ZDF. Ein Kreislauf selbstreferentieller Autisten. Das Raumschiff Berlin, eine andere Umlaufbahn, ein Paralleluniversum.

          Man schaut weg und wählt

          Treten doch ein paar Journalisten vor, die sich in die Gesundheitsreform eingelesen haben und das Programm der FDP kennen, wirkt es wie ein Schock, geschehen einen Tag nach dem „Duell“, als Westerwelle, Trittin und Lafontaine mit den Chefredakteuren Gottlieb und Schönenborn sprachen – die sich für Politik interessieren und informieren wollen, und darauf kommt es an, wenn man Interesse und Verständnis wecken will.

          Davon war im „Duell“, in den Sommerinterviews und in den Wahlarenen nichts zu spüren. Sie haben uns das politische Interesse abgewöhnt. Man schaut weg und – wählt. Lesungen, abgekartete Stelldicheins waren das, blutleer, trostlos – weil die Fernsehjournalisten eben genauso sind wie die Politiker, deren Gebaren sie beklagen. Man fragt sich nur noch, wer wen nach seinem Bilde geformt hat. Ein Obama hätte bei uns wirklich keine Chance, ihm fehlte nicht der Zuspruch, sondern das passende Gegenüber im wirkungsmächtigen Fernsehen. Käme einer mit echten Ecken und Kanten und prägte anderes als gestanzte Formeln, setzte sich sogleich die „Empörungsmaschinerie“ in Gang, sagt Steffen Seibert mit Recht.

          Jede Klage, die Fernsehmacher in diesem Wahlkampf über Politiker führen, können wir gegen sie verwenden. Wir können ihre Texte gegen die der Parteisekretäre tauschen. „Warum stellen wir so eine bekloppte Frage überhaupt?“, sagte Steffen Seibert, der Hellsichtige in Kerners Studio. Gemeint war die Umfrage, wer die Horst-Schlämmer-Partei wählen würde. Warum bloß? Die Frage blieb unbeantwortet.

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