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FAZ.NET-Fernsehkritik: Das Kanzlerduell : Spiel nicht mit den Tigerenten!

  • -Aktualisiert am

Wenn wir ein Duell gesehen haben, dann eines zwischen Politikern und Journalisten Bild: RTL

Das Duell war ein Duett, Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier waren vor allem nett zueinander. Die vier Moderatoren kamen als Wadenbeißer daher. Wenn wir ein Duell gesehen haben, dann eines zwischen Politikern und Journalisten.

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          Eine Frage scheint im Raum zu stehen: War das ein Duell? Drei Merkmale hat ein Duell schließlich, es ist kurz, schmerzhaft und eindeutig. Ganz anders beim Kanzlerduell im privat-öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo die Kontrahenten - absichtlich? - aneinander vorbeischossen, einmal, zweimal, hundertmal. Nichts ist vorbei. Gleich eingangs schmeichelten die Gegner einander über Bande, lobten ihre Zusammenarbeit in der großen Koalition, so dass das Moderatorengespann schon nach wenigen Minuten die Befürchtung aussprach, die Geladenen wollten ein Duett statt eines Duells austragen.

          Diskutieren, bis der Arzt kommt

          Große Einigkeit herrschte in den meisten Fragen: Beim Arzt darf nicht mehr so lange gewartet werden, die gefundene Opel-Lösung ist die beste aller denkbaren, an einen Abzug aus Afghanistan um 2013 muss gedacht werden dürfen, Manager gehören überwacht, Banken besser beaufsichtigt, es muss sozialer zugehen in diesem Land. Die brav aufgesagten Statements zum Schluss hätte man in ihrer blumigen Allgemeinheit ebenfalls vertauschen können.

          Hämisch und überheblich: die Moderatoren

          Kleine Unterschiede, die altbekannten, gab es nur hinsichtlich der Vorstellung von Steuersenkungen - hier auch ein Anflug von Schlagabtausch, als der Vizekanzler die Rechnung aufmachte, für die Pläne der Kanzlerin sei ein Wachstum von neun Prozent nötig, was diese zwar dementierte, aber nun diesen Punkt nicht mehr holen konnte - sowie in der Position gegenüber der Atomkraft. Auch wenn die beiden Agenden also sehr ähnlich waren, gelang es dem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier doch, seine Antworten etwas souveräner zu formulieren, wobei er andererseits auch Wiederholungen nicht scheute und die Floskel „Begrenzung von Managergehältern“ im gefühlten Dutzend zu Markte trug.

          Die Moderatoren: streitgeil, hämisch, überheblich

          Und trotzdem war es nicht so, dass jede Aggressivität fehlte: Sie richtete sich allerdings gegen die Moderatoren. Und mit welchem Recht! Mit zahlreichen dümmlichen Fragen („Duzen Sie sich eigentlich?“), die zudem in einer streitgeilen, hämischen und überheblichen Weise gestellt wurden, mussten die beiden führenden Vertreter unseres Staates erst einmal klar kommen. Dass man sie aber auch noch ständig rüde unterbrach, ihnen manchmal schon nach den ersten Worten über den Mund fuhr, war schon ein starkes Stück und zeigte sehr deutlich: An Inhalten waren das Moderatoren-Tribunal nicht interessiert, allein an möglichen Ausrutschern oder an Eingeständnissen.

          Beide Kandidaten verbaten sich immer öfter, auf diese Weise befragt zu werden: „Haben Sie doch einfach Interesse an meinem Argument, Frau Illner“, sagt Steinmeier einmal zu Recht. An einer anderen Stelle will er noch ein Wort zur Verschuldung sagen, bevor man zum Thema Gesundheit wechselt, und Frank Plasberg belehrt ihn wie einen Schuljungen: „Geht von Ihrem Konto ab.“

          Überhaupt: Dieses dämliche Zeitkontengeschwätz! Kann man die Zeit nicht einfach im Blick behalten, ohne sie alle zehn Minuten thematisieren zu müssen? Stattdessen hätte man vielleicht nicht (übrigens erneut) auf das Thema Bildung verzichten müssen. Wenn wir ein Duell gesehen haben, dann eines zwischen Politikern und Fernsehjournalisten, zwischen einer neuen Bescheidenheit und einer neuen Eitelkeit. Wenn es dabei etwas zu lernen gab, dann nur wieder dies: Fernsehduelle sind der Politik und der politischen Meinungsbildung vollkommen unangemessen.

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