https://www.faz.net/-ge2-13v4w

Der Wahlabend im Fernsehen : Wer FDP wählt, ist kein CSU-Wähler

  • -Aktualisiert am

Damit er glanzlos bleibt: Steinmeier wird am Wahlabend für einen Fernsehauftritt vorbereitet Bild: AP

Der Wahlabend geht im Fernsehen eindeutig an die große Koalition der Öffentlich-Rechtlichen. ARD und ZDF sind souverän. Bei RTL sind sie ratlos, bei Sat.1 gibt es Kalauer, Verfolgungsjagden auf der Autobahn, und hier unterbietet Michel Friedman sich selbst.

          12 Min.

          Der Wahlkampf musste erst beendet, die Schlacht geschlagen und die Sieger ermittelt sein, bis wir im Fernsehen eine Debatte mit den Spitzen des Bundestagsparteien zu sehen bekamen, in der die wahren politischen Gegensätze im Sechsparteiensystem wenigstens ansatzweise aufschienen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die „Berliner Runde“ brachte es an den Tag, und zu verdanken haben wir es abermals dem Mann, der den Wahlabend auch vor vier Jahren schon rettete - dem ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Der nämlich hatte erkennbar genug von den Worthülsen und Vermeidungsstrategien, die den Wahlkampf bestimmt und den Volksparteien - der SPD allerdings noch viel stärker als der Union - geschadet haben.

          Die Politiker aber wollten sich noch nicht darauf einlassen, Tacheles zu reden an dem Abend, an dem die Zeit der bitteren Wahrheit beginnt.

          Genug der Worthülsen: Westerwelle (v.l.), Merkel, die ARD-Chefredakteure Baumann und Brender, Steinmeier, Trittin und Lafontaine in der „Berliner Runde”

          Steinmeier macht nicht den Schröder

          Wobei man Frank-Walter Steinmeier zugute halten muss, dass er in der historischen Niederlage der SPD Größe beweist. Erstaunlich, dass ihm die Parteigenossen minutenlang applaudiert hatten, als er vortrat, um die „bittere Niederlage“ einzugestehen, erstaunlich auch, dass er nichts beschönigt und sich auch nicht von dem Regierungshandeln seiner Partei distanziert. Er macht nicht den Schröder - der 2005 Wahlkampf gegen die eigene Politik betrieben hatte -, gedankt haben es ihm die Wähler nicht. Angela Merkel und Guido Westerwelle können sich bei ihren Wählern bedanken. Letzterer wird künftig wohl auch nicht mehr darauf verweisen müssen, dass seine Partei nicht von irgendwem Wähler geschenkt bekommt. „Wenn jemand die FDP wählt, ist er ein FDP-Wähler und kein CSU-Wähler“, sagte Westerwelle, nachdem Peter Ramsauer ( „die Wähler haben gegen ihre Stimmung gewählt“) von der CSU noch einmal versucht hatte, das magere Ergebnis seiner Partei mit den „Stimmengeschenken“ an die Freien Demokraten zu erklären. Bei Diskussionsleiter Brender kam er damit auch nicht durch.

          Wäre Brender doch nur beim „Duell“ aufgetreten, hätte es diesen Gipfel doch vorher schon gegeben! Dann hätten wir vielleicht erfahren, wie FDP und CSU ihr Wahlversprechen, die Steuern zu senken, in die Tat umsetzen wollen. Oskar Lafontaine freilich lockt niemand aus der Reserve. Für den Linkspolitiker ist nach dem Wahlkampf vor dem Wahlkampf, das sah man an diesem Abend abermals sehr deutlich. Den „großen Elefanten geht die Nahrung aus“, formulierte der ZDF-Chefredakteur Brender schließlich als Fazit und leistete eine schön falsche Begriffszuordnung: Die kleineren Parteien lägen erstmals, meinte er, allesamt bei mehr als zehn Prozent „Marktanteilen“. In solchen Kategorien aber rechnen die Politiker - zumindest offiziell - noch nicht, das tun nur die Fernsehmacher.

          Der alten und neuen Bundeskanzlerin gab Brender schließlich noch mit auf den Weg, so höflich wie an diesem Abend wären sie gerne auch bei einem zweiten Duell schon mit ihr umgegangen. Angela Merkel hatte einen solchen Termin bekanntlich verweigert, worauf Brender zuvor schon einmal angespielt hatte. Das eine „Duell“, das es gab, war allerdings ganz und gar nicht von Höflichkeiten geprägt, sondern von der dreisten Arroganz der Fragesteller, die dies wohl mit einer kritischen Haltung verwechseln (siehe auch: FAZ.NET-Fernsehkritik: Spiel nicht mit den Tigerenten!).

          Weitere Themen

          Bolsonaro legt Veto gegen Maskenpflicht ein Video-Seite öffnen

          Brasilien : Bolsonaro legt Veto gegen Maskenpflicht ein

          Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro hat sein Veto gegen eine vom Parlament beschlossene Maskenpflicht zur Eindämmung des Coronavirus eingelegt. Der Staatschef nutzte sein Vetorecht, um zwei Artikel aus einem Gesetz zu entfernen, die eine Mundschutzpflicht in Geschäften sowie in Kirchen vorsehen.

          Berliner Maskenball

          FAZ Plus Artikel: Corona im Regierungsviertel : Berliner Maskenball

          Die meisten Politiker kommen aus der virtuellen Welt wieder ins Regierungsviertel. Wie gehen Politiker mit dem Schutz vor Corona um? Selbst die Kanzlerin ist nicht mehr nur im Supermarkt mit Maske zu sehen.

          Topmeldungen

          Kulissen wie diese am Grundlsee ziehen Urlauber normalerweise in Scharen nach Österreich. 280.000 Menschen leben dort direkt vom Tourismus.

          Tourismus in Österreich : Urlaub nach der „Ischgl-Lektion“

          Ferien in Österreich: Das verspricht Erholung zwischen Bergen und Seen. Doch in der Corona-Krise zeigt das Geschäftsmodell seine Risiken. Warum das Land die Gäste aus Deutschland nun so dringend braucht.
          Wer will, wer hat noch nicht? Rekruten der Bundeswehr nehmen am 20. Juli 2009 vor dem Reichstagsgebäude in Berlin an einem öffentlichen Gelöbnis teil.

          Reaktionen auf Högl-Vorschlag : Wehrpflicht? Nein, danke!

          Die Wehrbeauftragte will eine Debatte über die Wiedereinsetzung. Dafür erntet sie heftige Kritik. Die Verteidigungsministerin schlägt einen Freiwilligendienst vor – und erteilt dem Vorschlag eine Absage.
          Was vor 30.000 Jahren mit poliertem Gestein anfing, wurde im 19. Jahrhundert unter Strom gesetzt und erhält heute Design-Awards. Julia Ossko und Eugen Schulz setzten die Geschichte der Sexspielzeuge bildhaft in Szene.

          Die Geschichte der Sextoys : Komm, lass uns spielen

          Von Stein zu Silikon, vom Phallus zum Designobjekt – Sexspielzeuge sind (fast) so alt wie die Menschheit. Das Schmuddelimage war einmal, mittlerweile sind Dildos und andere Spielzeuge in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.