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André Brie : Links liegen gelassen

  • -Aktualisiert am

Links liegen gelassen: Brie in Essen Bild: picture-alliance/ dpa

Anfang des Jahres verwehrte die Linkspartei André Brie einen Listenplatz für die Europawahl. Jetzt tritt der Kritiker von Parteichef Oskar Lafontaine in Brandenburg als Direktkandidat für den Bundestag an.

          Kurz zögert er, dann geht André Brie auf den Mann mit dem Fahrrad zu, grüßt, und drückt ihm eine Broschüre in die Hand. Schnell kommen die beiden etwa Gleichaltrigen vor einem Gemüsestand auf dem Marktplatz von Finsterwalde ins Gespräch, es dreht sich um die Linkspartei-Parole „Reichtum für alle“. Unpassend sei die Forderung, sagt der an sein Rad gelehnte Marktgänger. Angesichts der vielen Arbeitslosen der Region wäre allenfalls „Wohlstand“ ein Ziel, das die Leute nicht vor den Kopf stoße. Brie nickt.

          „Links überholen - links wählen“ steht hinten auf dem roten Polo-Hemd, das der lange als „Vordenker“ bezeichnete frühere PDS-Wahlkampfleiter trägt. „Links liegen gelassen“ wäre vielleicht die passendere Parole: So verweigerten die Linkspartei-Delegierten dem 1999 ins Europaparlament gewählten Reformer im März einen Listenplatz für die Europawahl; seine Büros in Brüssel und Straßburg hat er bereits geräumt. Und auch in dem Südbrandenburger Wahlkreis, wo Brie nun um ein Direktmanddat für den Bundestag kämpft, ist der 59 Jahre alte Politikwissenschaftler fast auf sich allein gestellt - über eine Absicherung auf der Landesliste jedenfalls verfügt er nicht.

          „Links überholen - links wählen“

          Dass er es trotz geringer Aussichten versucht - in Umfragen liegt die SPD in Brandenburg, wo am kommenden Sonntag auch der Landtag neu gewählt wird, sechs Prozentpunkte vor der Linkspartei; 2005 gewann Stephan Hilsberg von der SPD den Wahlkreis Elbe-Elster/Oberspreewald-Lausitz II -, begründet Brie damit, so für eine „radikale Realpolitik“ werben zu können.

          Wahlkampfmanager: Brie und der PDS-Fraktionsvorsitzende Harald Wolf 2001 vor dem Roten Rathaus

          Unmittelbar nach dem Essener Parteitag hätten Brandenburger Genossen ihn angerufen, weil sie über die rückwärtsgewandte Stoßrichtung der von westdeutschen Sektierern wie Diether Dehm dominierten Zusammenkunft verärgert waren - und ihn als Direktkandidaten haben wollten. „Ich war darauf inhaltlich überhaupt nicht vorbereitet, musste mich aber innerhalb von drei Tagen entscheiden“, sagt Brie.

          Überlegungen, nach dem Sieg der orthodoxen Kräfte in Essen zur SPD zu wechseln wie seine bisherige Brüsseler Fraktionskollegin Sylvia-Yvonne Kaufmann habe er „aus Solidarität und Loyalität“ mit der SED- und PDS-Nachfolgepartei verworfen, beteuert er. Dabei dürfte es ihm an Angeboten nicht mangeln. Martin Schulz etwa, Fraktionschef der Sozialdemokraten im Europaparlament, versuchte Brie unmittelbar nach Kaufmanns Übertritt umzustimmen. Schon vor Jahren sollen Sozialdemokraten wegen eines Wechsels vorgefühlt haben; der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder holte den Außenpolitiker in den Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs.

          Angebote aus der SPD

          Selbst seine Stasi-Vergangenheit scheint dem 1968 in die SED eingetreten gebürtigen Schweriner, der fast zwei Jahrzehnte lang dem Ministerium für Staatssicherheit als IM „Peter Scholz“ zuarbeitete, dabei nicht im Wege zu stehen: Joachim Gauck bekundete ihm schon vor Jahren seinen „Respekt“ für das 1992 erfolgtes „Outing“ und attestierte ihm, „Konsequenzen gezogen“ zu haben.

          Auch der einst selbst von Brie bespitzelte frühere Außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karsten Voigt, hält dessen Auseinandersetzung mit seiner früheren Rolle für glaubwürdig; Peter Glotz bezeichnete ihn als „Heiner Geißler der PDS“. Und so sehr die Genossen im Sommer über Bries „Der Lafontainismus“ betitelte Kritik des autoritären Führungsstils ihres Vorsitzenden im „Spiegel“ schimpften, so gut dürfte der Artikel im Willy-Brandt-Haus angekommen sein.

          Programmatisch liegt das Werben der SPD um Brie ohnehin nahe. So vertritt der in China und Nordkorea aufgewachsene Sohn eines jüdischen Diplomaten und frühere Dozent am Institut für Internationale Beziehungen in Potsdam-Babelsberg vor allem außenpolitisch eher SPD- als Linke-Positionen. Wie Kaufmann hält er den Vertrag von Lissabon für einen Fortschritt - im Unterschied zur Mehrheit seiner Partei.

          „Heiner Geißler der PDS“

          Hinzu kommt die Machtperspektive, die eine gewandelte Linke der SPD böte: Hinter den Kulissen half Brie schon 2001 in Berlin, die Weichen zu stellen für das bis heute regierende rot-rote Bündnis - zuvor hatte er den Wahlkampf Gregory Gysis gemanagt. Für sein Fernziel einer rot-rot-grünen Koalition im Bund 2013 könnten zudem Kontakte zu Grünen wie Werner Schulz nützlich sein, bleibt das Verhältnis vieler Mitglieder der SED-Nachfolgepartei zur DDR-Bürgerrechtsbewegung doch weiterhin frostig.

          Dass ihn EU-Kommissar Günter Verheugen für eine Gesetzesinitiative lobte, erzählt er mit Stolz, regelmäßige Treffen mit den wie er aus Mecklenburg-Vorpommern stammenden CDU- und SPD-Europaparlamentarieren in Brüssel sieht er als Gewinn an - undenkbar für Leute wie Dehm oder Sahra Wagenknecht von der Kommunistischen Plattform (KPF), mit denen er nach der Bundestagswahl in einer Fraktion sitzen könnte.
          Nicht schwer fallen ihm folglich die paar Schritte hinüber zum Infostand der SPD-Landtagsabgeordneten Barbara Hackenschmidt, die an diesem sonnigen September-Morgen ebenfalls auf dem Finsterwalder Marktplatz steht. Über den „Raus aus Afghanistan“-Wahlkampf seiner Partei sagt er offen, dass ihm die Parole „zu platt“ sei. „Wir können Afghanistan nicht einem neuen Chaos überlassen, oder dem alten“, sagt er stattdessen - und erinnert an die bis heute anhaltenden Folgen des sowjetischen Einmarschs 1979, über den „in meiner Partei nicht gerne geredet wird“.

          Zig Male reiste er als Afghanistan-Beauftragter des Europaparlaments an den Hindukusch, im Unterschied zu Gysi. Dem rät er, sich dort „nicht nur mit Karzai und dem Außenminister“ zu treffen, sondern auch einmal über die Dörfer zu fahren. Doch ob das ostdeutsche Zugpferd der Partei den Rat annimmt, ist fraglich. Über einen gemeinsamen Wahlkampfauftritt schrieb die „Lausitzer Rundschau“: „Beinah war es ein Monolog, denn Gysi hatte viel zu sagen. Zwischendurch kam André Brie zu Wort.“

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