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Wahl zum Bundespräsidenten : Das Kreuz mit den Promis

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Die Abtrünnigen werden schwer gescholten

Nie geht der große Tag ohne kleine Pannen ab. Ungern erinnern sich bayerische CSU-Politiker an ein furios gescheitertes Experiment des Jahres 2004. Mit Gloria von Thurn und Taxis hatten sie zweifellos den größtmöglichen Glamourfaktor in Berlin plaziert, die Kameras konnten gar nicht lassen von ihr. Doch die Fürstin wählte völlig souverän - nämlich nicht Horst Köhler, sondern die Kandidatin Frau Professor Gesine Schwan. Man hatte sich zwei Wochen zuvor bei einem Diner in München kennen- und schätzen gelernt. Die Abtrünnige wurde schwer gescholten. „Mir war nicht klar“, kommentierte sie pikiert, „dass es einer Kameradenschweinerei gleichkommt, wenn man den anderen wählt.“ Zur Strafe wurde sie seither nie wieder zu Empfängen des Freistaats geladen.

Es blieb nicht die einzige bittere Folge. Der für spektakuläre Organtransplantationen bekannte Münchner Herzspezialist Bruno Reichart, CSU-Mitglied seit Urzeiten, wurde diesmal nicht nominiert - „leider“, sagt er und deutet an, womöglich bei seinen Parteifreunden „in Verschiss“ geraten zu sein „wegen der Fürstin“. Tatsächlich erklärte CSU-Parteichef Horst Seehofer beizeiten, „Paradiesvögel“ würden diesmal nicht nach Berlin geschickt, man gehe auf Nummer Sicher. Pech für Reichart und ungerecht obendrein, schließlich habe er vor fünf Jahren „ganz brav den Köhler gewählt“. Der mit zwei Orden geschmückte Medizinprofessor empfand gerade diesen Wahlauftrag als „die höchste Ehre, die mir der Staat erwiesen hat“, und erinnert sich an jedes Detail genau: an das schwarze Lederetui mit den Wahlscheinen, das jeder Delegierte erhalten habe, mit Bundesadler in Gold innen und dem Schriftzug „Bundesversammlung 2004“.

Eine Lektion, die jeder verstanden hat

An die Urne aus Plexiglas, in der sich die „Wische“ später stapelten. An das Hinaus, Herein, das Proben der Abstimmung vorher, und wie er seiner Frau Elke auf der Galerie zuwinkte. Und besonders genau erinnert er sich daran, wie sich vor dem ersten Wahlgang die Fraktionen in den Ecktürmen des Reichstags trafen und wie die Noch-nicht-Bundeskanzlerin Angela Merkel mit säuerlich heruntergezogenen Mundwinkeln ihren Trupp ermahnte, wenn „das jetzt nicht klappe“, dann müsse man „wohl noch mal reden“. Die Lektion habe jeder verstanden.

Mit der Wahlmänner- und -frauenauslese verfolgen die Parteien nach Meinung des Politologen Gerd Langguth zwei Motive. Zum einen wollen sie den Sympathiefaktor der Prominenz für sich instrumentalisieren, Stichwort: positiver Überraschungseffekt beim Publikum. Zum anderen nutzten sie den Schmeichelfaktor: Polit-Amateure, die Polit-Profis aus der Nähe erleben, fühlen sich ihren Gastgebern verpflichtet. Das Risiko der Parteien, dass die Laien womöglich nicht für den gewünschten Kandidaten stimmen, stuft Langguth als nicht besonders hoch ein: „Ich wette, dass die Abweichler eher aus den Reihen der Profis, also der Parteiabgeordneten kommen.“ Frau Schwan habe 2004 auch einige Wähler aus der CDU-Sektion für sich gewonnen, die eine Frau als Staatsoberhaupt wünschten. Diesmal könne es passieren, dass Wahlmänner aus der SPD-Kohorte Köhler wählen.

Ein verspätetes Geburtstagsgeschenk für den Altkanzler?

Vielleicht auch Jutta Allmendinger, Wahlfrau der bayerischen SPD. „Bitte haben Sie Verständnis, dass Frau Allmendinger zu diesen Fragen vor der Bundesversammlung keine Stellung beziehen möchte“, teilt ihr Büro mit. So zurückhaltend kennt man die Soziologieprofessorin vom Wissenschaftszentrum Berlin sonst nicht. Auch Doris Schröder-Köpf findet sich auf der Liste der Bayern. Ein verspätetes Geburtstagsgeschenk für den Altkanzler, ihren Ehemann? Keineswegs, heißt es bei der bayerischen SPD. Frau Schröder-Köpf, gebürtige Bayerin, sei ihren bayerischen Genossen seit jeher verbunden und habe diese Ehrung daher selbst verdient. Der Ehemann werde zu Hause bleiben und die Kinder hüten.

Wenn das Ankreuzen geschafft ist und die Nationalhymne verklungen, werden sich Polit-Amateure und -Profis wieder am Büfett unter der Kuppel stärken können - treudeutsch mit Schweinshaxe, Blutwurst, Kartoffelpüree und Buletten. Was sich darüber hinaus noch zuträgt, wird womöglich irgendwann auch literarisch verwertet. Vorstellen kann sich der Grünen-Delegierte Zaimoglu nämlich durchaus, dass sich sein Ausflug in die Hauptstadt in einem der nächsten Romane wiederfindet.

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