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SPD nominiert Gesine Schwan : Der Anruf erreichte sie in Mexiko

  • -Aktualisiert am

Im Schlepptau der Sympathietträgerin Schwan will auch Kurt Beck punkten Bild: dpa

Lange Zeit sah es so aus, als würden Kurt Beck und die SPD eine zweite Amtszeit Horst Köhlers unterstützen. Dann kamen die Dinge mal wieder anders. Die Selbstachtung der SPD gebiete es, mit einem eigenen Kandidaten anzutreten, hieß es zunächst. Und schnell war wieder Gesine Schwan im Gespräch.

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          Vor vier Jahren war alles noch anders verlaufen. An einem Mittwoch im März 2004 rief Bundeskanzler Schröder die Professorin Gesine Schwan, als sie gerade in Harvard in den Vereinigten Staaten weilte, an, ob sie Kandidatin von SPD und Grünen bei der Bundespräsidentenwahl sein wolle. Sie sagte zu. Am Morgen danach unterrichtete Schröder die rot-grünen Koalitionsspitzen. Die akzeptierten. Unmittelbar darauf gab Schröder den Vorstoß bekannt – im Bundeskanzleramt. Zehn Tage später stimmte der SPD-Vorstand zu.

          Gesine Schwan gewann Freude an der Herausforderung – eine Freude, die anhielt, wie sich herausstellte. Sie stellte sich den Bundestagsfraktionen vor. Sie forderte Horst Köhler zu einem Streitgespräch heraus. Sie bekam schließlich mehr Stimmen, als SPD, Grüne und die damalige PDS zusammen in der Bundesversammlung hatten. Sodann kehrte sie zurück an die Europa-Universität Viadrina.

          Ein politisches Talent

          Sozialdemokraten in Berlin aber erzählten einander, welches politische Talent die Partei habe, worin das Bedauern mitschwang, dass sich Frau Schwan nicht mehr für die SPD einsetze. An manchen Klausurbesprechungen sogar der rot-grünen Koalition nahm sie teil. Politikerin im engeren Sinne wurde sie nicht.

          Im März 2004 präsentierte einst Schröder seine Kandidatin im Willy-Brandt-Haus

          Nun wird dem früheren SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel zugeschrieben, das erste Gespräch mit Gesine Schwan geführt zu haben, welches schließlich zu ihrer Nominierung führte. Anfang dieses Jahres war das gewesen, als die Berliner Sozialdemokraten noch die Einschätzung verbreiteten, die Wiederwahl Horst Köhlers auch mit den Stimmen der SPD sei – eigentlich – gesichert.

          Widersprüchliche Aussagen von Beck

          Zwar hatte Kurt Beck, wie er nun am Tag der Nominierung Frau Schwans versicherte, zu keinem Zeitpunkt gesagt, die Kandidatin von 2004 solle auch die von 2009 sein. Die Wiederwahl Köhlers sei offen, pflegte Beck zu äußern. Doch gab es – das allerdings war länger her – auch Äußerungen von ihm, die im Sinne Köhlers interpretiert werden konnten. Ein erfolgreicher Bundespräsident könne nicht abgelöst werden. Und bezogen auf die Geschichte der Bundesrepublik, gab es Hinweise, wenn ein Bundespräsident wieder zur Wahl antrete, werde er wohl gewählt. Doch fiel auf, dass auch Hinweise, eine Bundespräsidentenwahl sei kein Präjudiz für die Bildung einer nächsten Bundesregierung, zu vernehmen waren.

          Entsprechend waren viele in der Parteiführung, und auch der Fraktionsvorsitzende Struck gehörte dazu, der Auffassung, Beck werde sich für Köhlers Wiederwahl aussprechen. Förmlich allerdings hatte er das nie getan. Beck lasse sich in dieser Personalsache nicht in die Karten schauen, kritisierten manche im SPD-Präsidium und im Parteiapparat. Fragen im engeren Führungskreis, was seine Linie sei, wiegelte Beck ab. Erst müsse sich Köhler entscheiden. Dann werde die Partei entscheiden.

          Doch machten in der SPD Hinweise die Runde, Gesine Schwan sei zur Kandidatur bereit. Andere Sozialdemokraten hatten ähnliche Zielvorstellungen und regten an, der frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherf komme in Betracht. Auch Scherf schien bereit. Bei der CDU in Bremen ist er – aus den Zeiten der großen Koalition dort – beliebt und angesehen.

          Auch Nahles und Edathy mischten mit

          Kurz vor Ostern wollte ein Abgeordneter der SPD Klarheit. Das war die Zeit, in der Struck sein „Ich habe an der Arbeit Horst Köhlers nichts auszusetzen“ äußerte und außerdem noch anfügte: „Ich werde ganz sicher nicht die Stimmen der SPD, der Grünen, der Linken, der Republikaner, der DVU und der NPD zusammenrechnen, um auf eine Mehrheit zu kommen.“

          Sebastian Edathy, Vorsitzender des Bundestagsinnenausschusses, war einer derjenigen, die fanden, die SPD müsse als alte und große Volkspartei mit einem eigenen Kandidaten in die Bundesversammlung gehen. Edathy erreichte Frau Schwan telefonisch in Mexiko. Er sagt, es sei auf eigene Initiative, ohne Auftrag und ohne weitere Absprachen geschehen. Frau Schwan war bereit. Doch wurde vermerkt, dass einige Zeit vorher auch Andrea Nahles, die stellvertretende SPD-Vorsitzende, erfolgreich den Kontakt mit Frau Schwan gesucht hatte. Auch Frau Nahles, die mehr über das Innenleben der SPD erfährt als andere Spitzen- und Regierungspolitiker der SPD in Berlin, hatte von der Bereitschaft Frau Schwans erfahren.

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