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Gesine Schwans Kandidatur : Ich wünsche mir, dass sie scheitert

  • -Aktualisiert am

Vor vier Jahren hatte sie gehofft, Gesine Schwan könne doch gewählt werden: die Autorin Monika Maron Bild: picture-alliance/ dpa

Dem kommunistischen Regime hat Gesine Schwan nie Sympathie entgegengebracht. Und über das Beschweigen von Schuld hat sie ein eindrückliches Buch geschrieben. Warum gibt sie jetzt die Galionsfigur, mit der die SPD in den Hafen der Linken steuert?

          Vor vier Jahren, als Gesine Schwan von der SPD zum ersten Mal gegen Horst Köhler in den Kampf um die Präsidentschaft geschickt wurde, wussten alle, dass sie nahezu chancenlos war. Die Kräfteverhältnisse in der Bundesversammlung waren eindeutig, vierzig Stimmen mehr für die Opposition, die Wahl war keine Wahl, sondern ein parteipolitisches Rechenstück, obwohl das Amt des Bundespräsidenten ja überparteilich sein soll und dem Parteiengeschacher entzogen.

          Damals habe ich gehofft, etwas ganz und gar Unvorhersehbares würde Gesine Schwan doch noch zu dem eigentlich unmöglichen Erfolg verhelfen, eben weil mich diese Farce einer Wahl empörte und weil ich wünschte, das so ärgerliche wie lächerliche Ritual, eine Frau immer dann zu nominieren, wenn die Lage aussichtslos ist, würde sich endlich einmal als Falle erweisen. Und natürlich auch, weil ich Gesine Schwan für eine würdige Präsidentin hielt, intelligent, streitbar, aber nicht intolerant, von zuweilen erschreckender Vitalität, ideenreich, charmant, streng, aber nicht unversöhnlich.

          Jedes Geplänkel mit der Linken trägt zur Normalisierung bei

          So würde ich sie auch heute noch beschreiben, trotzdem wünsche ich ihr diesmal keinen Erfolg, weil ich den Preis dafür als entschieden zu hoch empfinde. Gesine Schwan bittet um die Stimmen der Linken, ohne die sie nicht gewinnen kann. Na gut, könnte man sagen, da haben wir nun endlich eine richtige Wahl und keine gemütliche Absprache in der Wohnküche oder am Biertisch, die Linke ist eine legale Partei mit wachsender Anhängerschaft, sie gehört inzwischen zur politischen Normalität der Bundesrepublik und, seit Oskar Lafontaine die rhetorische Führung übernommen hat, sogar in Ost und West. Warum denn also nicht?

          Warum huldigt sie plötzlich einem geschichtsverschleiernden Pragmatismus? Gesine Schwan

          Ganz geheuer ist diese forcierte Normalität der Linken allerdings auch der SPD nicht, sonst müsste sie nicht ständig beteuern, niemals und unter keinen Umständen ein Regierungsbündnis mit ihr einzugehen. Aber jedes Geplänkel mit der Linken, ob das von Andrea Ypsilanti in Hessen oder auch die Kandidatur von Gesine Schwan, trägt zur Normalisierung bei. Die stete Frage: Warum denn nicht?, wird dabei unversehens zur Antwort: Warum denn nicht!

          Die Jungen geben mir ein Rätsel auf

          Ginge es nur um die Präsidentschaft, könnte man diesen Kontrakt mit der Linken vielleicht noch hinnehmen. Aber wer glaubt denn, dass die SPD, wenn die Chance einer linken Koalition erst einmal besteht, sie nicht auch wahrnehmen würde? Ich glaube das nicht, und sechzig Prozent aller Deutschen glauben das auch nicht.

          Ein neuer Name macht keine neue Partei. Die Mitglieder der PDS sind zum größten Teil die Erbschaft aus der SED. Und die Jungen, auf die sich die Linke gern beruft, geben mir ein Rätsel auf. Ich verstehe gut, warum junge (auch nicht junge) Menschen sich mit keiner der etablierten Parteien identifizieren können. Aber warum sie glauben, die Welt ausgerechnet mit alten Leuten verbessern zu können, unter deren Herrschaft ein Staat verrottete und die vierzig Jahre lang glaubwürdig bewiesen haben, dass sie weder die Demokratie noch die Freiheit des Einzelnen achten, verstehe ich nicht. Warum gehen sie nicht zu Attac oder gründen etwas Neues, statt sich mit einer Partei zu verbünden, die aus der Herrschaftspartei einer Diktatur hervorgegangen ist und für die es nur eine anständige Lösung gegeben hätte: sich selbst aufzulösen.

          Der Westen hat die PDS zur Stimme des Ostens erhoben

          Zur Stärke der PDS hat der Westen schon seit der Vereinigung wesentlich beigetragen, indem er sie zur Stimme des Ostens erhoben hat. Die zwanzig oder dreißig Prozent PDS-Wähler wurden zum Maßstab der Meinungsbildung und des Umgangs mit den Ostdeutschen; nicht die zwei Drittel, die sie nicht gewählt haben. Alle Parteien und nicht zuletzt die Gewerkschaften kochten ihre Suppen auf dem ostdeutschen Unmut, statt sich von Anfang an mit denen zu verbünden, die sich befreit und nicht unterworfen fühlten. Nun hat Oskar Lafontaine, dem die deutsche Einheit einmal zu teuer war, diese gleichermaßen geschmähte wie hofierte Partei zur Kampfmaschine in seinem Rachefeldzug gegen die SPD gemacht und somit zu einem gesamtdeutschen Problem.

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