https://www.faz.net/-ge2-12nht

Bundespräsidentenwahl : Ein Mann des Volkes

„Bürgerpräsident” Horst Köhler nach seiner Wiederwahl Bild: dpa

Köhlers Verbleiben im Amt entspricht dem Willen des Volkes. Doch ließ das politische Establishment Berlins den Bundespräsidenten selbst am Tage seiner Wiederwahl spüren, dass es die Begeisterung der Bürger nicht teilt.

          Millionen waren es nicht, die Horst Köhler zu den Klängen von Beethovens 9. Sinfonie und Schillers „Ode an die Freude“ hätte umschlingen können. Aber immerhin Hunderttausende. Selten hat man den Bundespräsidenten außerhalb Afrikas so feuertrunken gesehen wie am Samstagnachmittag inmitten der Menschenmassen auf der Straße des 17. Juni. Da hatte er gerade das Elysium seiner zweiten Amtszeit betreten. Mit keiner Stimme mehr, als dafür nötig war, aber schon im ersten Anlauf.

          Es werden nicht viele daran zweifeln, dass Köhlers Verbleiben im Amt dem in allen Umfragen zum Ausdruck gekommenen Willen des Volkes entspricht. Und doch ließ das politische Establishment Berlins Köhler selbst am Tage seiner Wiederwahl spüren, dass es die Begeisterung der Bürger für ihren Präsidenten nicht teilt. Die Ehrentribüne am Brandenburger Tor, in deren erster Reihe er neben der Kanzlerin saß, blieb halb leer. Die Berliner Borchardt-Gesellschaft einschließlich des Regierenden Bürgermeisters Wowereit hatte Wichtigeres zu tun, als mit Köhler gesehen zu werden.

          Nicht in Berlin-Mitte, aber in der Mitte des Volkes

          Die Urteile über diesen Bundespräsidenten sind gefällt, und sie werden auch in seiner zweiten Amtszeit nicht mehr zur Deckung zu bringen sein. Vielen Intellektuellen und auch nur jenen, die sich dafür halten, ist er nicht gebildet, geistreich und wortgewandt genug – ein Ökonom, noch dazu einer, der die Krise nicht kommen sah, an der Spitze des Staates der Dichter und Denker! Doch verhalf dem vor fünf Jahren kaum bekannten Köhler gerade sein etwas hölzerner Duktus dazu, „Bürgerpräsident“ zu werden. Er vermittelte den Deutschen das Gefühl, dass er, weit über dem parteiischen Gezänk stehend, nichts als das Gemeinwohl im Sinn habe und behüte.

          Was Köhler im politischen Berlin zum Nachteil gereicht und ihn geradezu isoliert – erkennbar kein von einer langen Parteienkarriere glattgeschliffener Politiker zu sein –, bringt ihm draußen im politik- und parteienverdrossenen Land Zuspruch ein. Nicht von ungefähr hat Köhler nach seiner Wahl den „lieben Landsleuten“ und nicht etwa der lieben Bundeskanzlerin oder den verehrten Parteivorsitzenden versprochen, „weiter mein Bestes (zu) geben“. Man mag über solche Sätze aus dem Mund des ersten Mannes im Staat lächeln. Doch zeigen sie auch, dass – und wie – Köhler seinen Platz fand: nicht in Berlin-Mitte, aber in der Mitte des Volkes. Das könnten die Parteien in den kommenden fünf Jahren noch stärker als bisher schon zu spüren bekommen; auch und gerade diejenigen, die für ihn stimmten.

          Die SPD und ihre Kandidatin: ziemlich gerupft

          Diese Aussicht hinderte Union und FDP jedoch nicht daran, den Sieg Köhlers als den ihren zu feiern. Die Wahl war eine Demonstration der zuletzt Risse aufweisenden Geschlossenheit der Unionsparteien und ihrer Verbundenheit mit der FDP. Nicht zufällig wurde Köhler auf der Tribüne vor dem Brandenburger Tor eingerahmt von Angela Merkel und dem durchgehend strahlenden Guido Westerwelle. Die Bestätigung Köhlers ist zwar keine Garantie dafür, dass auch der Bundeskanzlerin eine zweite Amtszeit und Westerwelle vom Herbst an häufige Auslandsreisen beschert werden. Doch hätte eine Wahl mit Hängen und Würgen oder gar das Scheitern Köhlers Frau Merkels Führungskraft in Frage gestellt. Und Westerwelle konnte zeigen, dass auf die FDP Verlass sei, wenn es darauf ankommt.

          Ziemlich gerupft standen am sechzigsten Geburtstag der Republik nur die SPD und ihre Kandidatin da, die nicht einmal alle Stimmen des rot-grünen Lagers auf sich ziehen konnte. Das war das triste Ende einer Kandidatur, die sich die SPD und ihr damaliger Vorsitzender Beck von der ambitionierten und nun zweimal gescheiterten Frau Schwan sowie einigen Parteilinken hatten aufnötigen lassen – halb zogen sie ihn, halb sank er hin. Die SPD hätte mit dem ursprünglich geplanten Votum für Köhler die FDP, in deren Küche er auf die politische Welt gekommen war, in Versuchung führen können. Doch lieber handelten sich die Sozialdemokraten mit der Kandidatin Schwan eine Diskussion darüber ein, wie glaubwürdig ihre Aussage sei, mit der Linkspartei auf Bundesebene nicht zu kooperieren – abgesehen von der Kleinigkeit der Wahl des Staatsoberhauptes natürlich.

          Froh, dass der Spuk um Frau Schwan vorbei ist

          Ein Sieg Frau Schwans hätte zwar in Berlin-Mitte für Verzückung (und eine volle Tribüne) gesorgt. Doch hätte das von manchem erhoffte „Aufbruchsignal“ sich als schwere Hypothek für die SPD vor der Bundestagswahl erwiesen, wäre es doch als Vorspiel einer rot-grün-roten Zukunft angesehen worden. Dem Kanzlerkandidaten der SPD hätte das gar nicht recht sein können. Auch andere führende Sozialdemokraten sind schlichtweg froh, dass dieser Spuk vorbei ist.

          So geht Köhler in seine zweite Amtszeit mit einer größeren Zustimmung, auch von Seiten der Parteien, als die 613 Stimmen nahelegen. Liebe erwächst diesem Verhältnis zwar nicht mehr, aber die hat Köhler wie Heinemann ohnehin öffentlich seiner Frau erklärt. Das Volk fühlt sich auch angesichts solcher menschlicher Züge gut bei ihm aufgehoben. Damit steht Köhler ganz in der Tradition seiner Vorgänger, von denen keiner dem anderen glich. Aber auch ihre Reihe zeigt, dass das Amt des Bundespräsidenten nicht vom Glanz allein lebt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Erdgas-Streit mit der EU : „Erdogan fährt eine Kamikaze-Politik“

          Die EU-Außenminister haben Sanktionen gegen die Türkei erlassen, weil sie vor der Küste von Zypern nach Gas bohrt. Ökonomieprofessor Erdal Yalcin spricht im F.A.Z.-Interview über die Abhängigkeit Ankaras und den Rückhalt für Erdogan.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.