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Bundespräsidentenwahl : Die innere Unruhe der Gesine Schwan

  • -Aktualisiert am

Nicht überrascht: Gesine Schwan wurde zum zweiten Mal um ihre Kandidatur gebeten Bild: ©Helmut Fricke

Der Anruf eines unbekannten Abgeordneten reichte, um Gesine Schwan abermals für den Anlauf auf das höchste Amt im Staate zu gewinnen. Doch in der SPD halten es mittlerweile viele für falsch, dass sie gegen den amtierenden Bundespräsidenten antritt.

          Was politische Choreographie anbelangt, ist Gesine Schwan vom Fach. Der Raum, den die Professorin der politischen Philosophie an diesem klaren und kalten Februarmorgen betritt, ist ein zweischiffiger Saal, mit Fresken bestückt und von einem Gewölbe bekränzt. Es ist der Palatium tota Germania nobilissimum, der vornehmste Palast ganz Deutschlands, wie ihn Pius II. nannte. Gesine Schwan neigt den Kopf, deutet ein Lächeln an und schreitet erhaben durch den sonnenlichtdurchfluteten Aachener Krönungssaal, wo einst die deutschen Kaiser die Insignien der Macht erhielten.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Die Szene hat beinahe etwas Sakrales, wird dann aber weltlich gebrochen, als der Applaus abebbt und die Präsidentschaftskandidatin das Wort ergreift. Die Sozialdemokratin macht Station auf ihrer „Demokratiereise“ und spricht über das „soziale Europa, das wir brauchen“. Monarchische Herrschaftskulisse und republikanischer Geist, präsidiale Geste und bürgerschaftliche Botschaft – das sind die Elemente ihrer ganz persönlichen Choreographie in einem Schauspiel über Herrschaft und Kultur, das ihr ein wenig von dem Glanz verleihen soll, der auf den Bundespräsidenten schon von Amts wegen ganz von allein fällt.

          Bundesversammlung ohne Vorbild

          Es ist ein Schauspiel, das es eigentlich gar nicht geben sollte. Dass es dennoch auf den Spielplan genommen wurde, hat viel mit dem Zustand der SPD zu tun. Und vielleicht noch mehr mit der inneren Unruhe Gesine Schwans. Beides kam zusammen im Frühjahr 2008: eine führungslose Partei unter einem Vorsitzenden, der eine Rolle spielte, die nicht die Seine war, und eine Frau, die auf der Suche nach einer neuen Rolle war, eine, die – das gestehen selbst Gegner ihrer Kandidatur zu – wie für sie wie geschaffen wäre.

          Gewandt im Umgang mit jungen Leuten: Gesine Schwan in Aachen

          So wird es im Mai zu einer Bundesversammlung ohne Beispiel kommen: Noch nie hat eine Volkspartei einen Kandidaten gegen den Amtsinhaber aufgestellt. Das gab es nicht bei Theodor Heuss, nicht bei Heinrich Lübke und auch nicht bei Richard von Weizsäcker.

          Vor fünf Jahren war alles ganz anders

          2004 war alles anders. Da rief Gerhard Schröder die streitbare Genossin, mit der er in den siebziger Jahren so manchen Strauß ausgefochten hatte, in Amerika an und überraschte sie mit der Frage, ob sie als Bundespräsidentin kandidieren wolle. Fünf Jahre später weilte sie in Mexiko, als das Telefon abermals klingelte. Es meldete sich ein gewisser Sebastian Edathy, ein ihr nicht näher bekannter Bundestagsabgeordneter aus Niedersachsen, der fragte, ob sie es noch einmal wagen wolle. Es gibt Leute, die meinen, dass die seinerzeit kurz vor ihrer Emeritierung stehende Präsidentin der Europa-Universität Viadrina von diesem Ansinnen nicht überrascht wurde – um nur das Mindeste zu sagen.

          Manchmal fügen sich die Dinge, und hinterher sieht alles nach präziser Machttechnik aus, obwohl es sich eher um eine Spontanheilung des politischen Chaos handelt. Im Frühjahr 2008 äußerte sich der Bundespräsident Köhler noch nicht zu der Frage, ob er bereit sei, für weitere fünf Jahre zu kandidieren. Derweil kommt der FDP zu Ohren, zwischen Union und SPD werde über einen großkoalitionären Kandidaten verhandelt. So prescht Guido Westerwelle vor und teilt kurzerhand mit, seine Partei werde Köhler wieder wählen.

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