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Bundespräsidentenwahl : „Das hätte das politische Feld aufgerollt“

So reden sie in Union und FDP und weisen zufrieden darauf hin, dass heute alles anders sei. Fünf Jahre nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten sei Köhler keine unbekannte Größe mehr, werde bei seinen Reisen durchs Land sogar begeistert vom Volk empfangen, habe sich weder als gefühlloser Marktliberaler erwiesen noch als unpolitisch. Zudem müsse, anders als beim vorigen Mal, kein neuer Präsident gewählt werden, sondern der Amtsinhaber stehe für eine zweite Periode bereit. Schließlich sei in der Union jedem sehr bewusst, dass ein Scheitern Köhlers den Start Angela Merkels in den Wahlkampf vermasseln würde.

Diejenigen, die Horst Köhler gern wiedergewählt sähen, sind in diesen Tagen vorsichtig entspannt. Die CDU-Vorsitzende wirbt auf Parteiveranstaltungen für Köhlers Wiederwahl. Angesichts der knappen Mehrheitsverhältnisse warnt sie im Vorstand vor Siegesgewissheit, denn es sei keineswegs sicher, dass Köhler es bereits im ersten Durchgang schaffe. Viele in der Union argumentieren so. Doch sie glauben: Am Ende, wenn im dritten Wahlgang nur die einfache Mehrheit erforderlich ist, wird er gewählt. Aber voreiliges Triumphgeheul soll vermieden werden, um mögliche Wackelkandidaten nicht zu provozieren.

Gesine Schwan hat im ersten Wahlgang keine Chancen. Denn die Partei „Die Linke“ hat ihren eigenen Kandidaten, den einstigen „Tatort“-Kommissar Peter Sodann. Gegen seine Kandidatur hatten manche Genossen in der Linkspartei starke Bedenken, und die Skepsis wuchs weiter, seit Sodann wirklich Kandidat geworden war und sich mit allerlei merkwürdigen Einlassungen eher als Witzfigur denn als Staatsmann in spe erwies. Dennoch gibt es wenig Zweifel daran, dass die 90 Wahlmänner und Wahlfrauen der „Linken“ für ihren Kandidaten stimmen werden - aus alter Parteidisziplin und aus Solidarität mit Gregor Gysi, der Sodann für die Kandidatur gewonnen hatte. Frau Schwan ist auf die Stimmen der „Linken“ in einem möglichen zweiten und dritten Wahlgang angewiesen.

Der Gleichschaltung entzogen

Ebenso wie auf die Stimmen der Grünen. Die haben sich zwar mehrheitlich für die Wahl von Gesine Schwan ausgesprochen. Köhler gilt den meisten Grünen als zu wirtschaftsfreundlich. Schwan fühlte sich in jüngster Zeit auch von den Grünen stärker unterstützt als von ihrer eigenen Partei. Doch ganz einhellig ist die Begeisterung der Grünen für die Politikwissenschaftlerin diesmal nicht. Zumindest eine grüne Bundestagsabgeordnete, so heißt es in der Fraktion, werde für Köhler stimmen. Die Afrika-Kennerin und ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin im Entwicklungsministerium Uschi Eid hat aus ihrer Sympathie für den Afrika-Freund Köhler nie einen Hehl gemacht. Sie hatte vorgeschlagen, die Wahl ganz freizustellen, da die Grünen anders als vor fünf Jahren nicht durch eine Koalition festgelegt seien. Diese Idee haben einige Führungsleute in der Grünen-Fraktion lautstark abgeschmettert. (Siehe auch: Kaum Chancen für Schwan bei der Bundespräsidentenwahl)

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