https://www.faz.net/-ge2-12jd9

Allensbach-Umfrage : Die angesehene Verfassung

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Von „Verfassungspatriotismus“ kann nur bedingt die Rede sein: Die Deutschen zeigen großen Respekt vor dem Grundgesetz - und wissen doch nicht allzu viel über seine Einzelheiten. Diese Achtung wird auch dem Bundespräsidenten zuteil.

          Wenn in diesen Tagen die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Verabschiedung des Grundgesetzes begangen werden, wird in der öffentlichen Würdigung wieder ein Wort auftauchen, das es wahrscheinlich nur in der deutschen Sprache gibt: „Verfassungspatriotismus“.

          Obwohl die Bedeutung unscharf ist, lässt sich doch leicht verstehen, dass er sich in das Selbstverständnis der alten Bundesrepublik vor der deutschen Einheit gut einfügte. Ursprünglich von dem Politikwissenschaftler Dolf Sternberger verwendet, später von anderen wie etwa Jürgen Habermas aufgegriffen, steht die Idee des „Verfassungspatriotismus“ für die Verbundenheit mit der demokratischen Rechtsordnung, eine Art „aufgeklärte Identifikation“ mit dem freiheitlichen Staat in deutlicher Abgrenzung zu einer gefühlvollen, vom politischen System unabhängigen Vaterlandsliebe.

          „Wissen Sie, wann das Grundgesetz in Kraft getreten ist?“

          Doch wahrscheinlich führt dieses sehr stark von durchdachten Wertvorstellungen geprägte Konzept in die Irre. Die Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigen jedenfalls, dass sich die Zustimmung zur Verfassung in den letzten Jahrzehnten gleichermaßen und mit vergleichbarer Geschwindigkeit positiv entwickelt hat wie das emotional geprägte Bekenntnis zur eigenen Nation und zu ihren Symbolen. Beides ist nicht voneinander zu trennen.

          Horst Köhler - Der Bundespräsident steht für die meisten über den Parteien

          Vor allem aber würde ein gesonderter „Verfassungspatriotismus“ voraussetzen, dass die Bevölkerung eine klare Vorstellung von den Inhalten und Prinzipien und damit auch den Besonderheiten des Grundgesetzes gegenüber anderen Verfassungen hat. Die jüngste Repräsentativumfrage des Allensbacher Instituts im Auftrag dieser Zeitung zeigt aber deutlich, dass ein solches Bewusstsein nur bei einem kleinen Teil der Bevölkerung vorhanden ist. Bereits die Frage „Wissen Sie zufällig, wann das Grundgesetz in Kraft getreten ist, in welchem Jahr?“ kann trotz der eingehenden Berichterstattung in den letzten Wochen nur etwas mehr als ein Drittel der Deutschen treffend beantworten: 37 Prozent nennen die richtige Jahreszahl 1949, 6 Prozent ein Datum zwischen 1940 und 1948, 5 Prozent eines zwischen 1950 und 1969. Eine Mehrheit von 52 Prozent gibt zu, dass sie die Antwort nicht weiß.

          Dem Alltagsleben zu fern

          Auch die Verfassung selbst bleibt für viele vage. Auf die Frage „Wie ist das eigentlich bei uns im Grundgesetz geregelt, haben wir eine repräsentative Demokratie oder eine direkte Demokratie?“ antworten 40 Prozent: „Eine repräsentative Demokratie“, 19 Prozent glauben, Deutschland sei eine direkte Demokratie, 41 Prozent antworten: „Weiß nicht“. Auf die Aufforderung, den ersten Satz des ersten Artikels des Grundgesetzes zu nennen oder anzugeben, welches Grundrecht in diesem Artikel festgehalten ist, können 25 Prozent der Deutschen den Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ vollständig zitieren, weitere 14 Prozent geben den Satz unvollständig wieder oder machen vage, zumindest nicht falsche Angaben. 17 Prozent geben falsche Antworten, eine knappe Mehrheit von 47 Prozent zieht sich auf die Antwort „Weiß nicht“ zurück.

          Weitere Themen

          Zaudernde Macht

          FAZ Plus Artikel: Deutschlands Außenpolitik : Zaudernde Macht

          Seit Jahren heißt es, Deutschland müsse seine Interessen selbst verteidigen. Aber die Diskussion über einen Einsatz im Persischen Golf zeigt wieder einmal: In Berlin ist man sich weder über die Ziele noch über die Mittel einig.

          G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete Video-Seite öffnen

          Noch keine konkreten Maßnahmen : G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete

          Ungeachtet anhaltender Spannungen in wichtigen politischen Fragen haben sich die G7-Staaten bei ihrem Gipfel in Biarritz auf einen gemeinsamen Gegner einigen können: die Feuer im Amazonasgebiet. Die sieben westlichen Industriestaaten seien überein gekommen, den betroffenen Staaten „so schnell wie möglich“ Unterstützung zukommen zu lassen, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

          Topmeldungen

          Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

          G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

          In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.
          Die Union hat in Dresden die Kohle im Blick

          Union und Kohleausstieg : „Es gilt das, was vereinbart ist: 2038“

          Die Verunsicherung unter den Bergleuten war groß, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jüngst einen Ausstieg aus der Kohle 2030 ins Spiel brachte. Annegret Kramp-Karrenbauer verspricht nun, am Kohle-Ausstiegstermin 2038 nicht mehr zu rütteln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.