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60 Jahre Grundgesetz : Zukunftsfähiges Provisorium

Der deutsche Staat feiert Geburtstag, und er feiert ihn so, wie er ist: selbstbewusst, aber ohne Pathos, durch und durch republikanisch, erfreulich krisenfest. Sechzig Jahre nach Inkrafttreten des Grundgesetzes ruht Deutschland in sich selbst. Selten zuvor hat sich ein Provisorium als so zukunftsfähig erwiesen.

          Der deutsche Staat feiert Geburtstag, und er feiert ihn so, wie er ist: selbstbewusst, aber ohne Pathos, durch und durch republikanisch, erfreulich krisenfest. Sechzig Jahre nach Inkrafttreten des Grundgesetzes ruht Deutschland in sich selbst wie nie zuvor in seiner Geschichte als Nationalstaat. Andere lassen bei solchen Anlässen Panzer paradieren und Kampfflugzeuge aufsteigen. Die Bundesregierung aber veranstaltet ein „Bürgerfest“ mit Thomas Gottschalk und Udo Jürgens, nach ökumenischem Gottesdienst. Vor Deutschland muss niemand mehr Angst haben, nicht einmal mehr die Deutschen.

          Bundespräsident Köhler hat die Auferstehung des Landes als Wirtschafts-, Friedens- und überhaupt Hoffnungsmacht in bewährter Weise zusammengefasst. Köhler kann nichts dafür, dass der „Verfassungstag“ alle fünf Jahre mit der Wahl des Staatsoberhauptes zusammenfällt, der er sich heute stellt. Als Präsident und Gentleman hielt er vielleicht deshalb eine Rede, die auch seine Konkurrentin vermutlich nicht ganz verworfen hätte. Der Bundespräsident macht keinen Wahlkampf, schon gar nicht an hohen Feiertagen.

          Selten hat sich ein Provisorium als so stabil erwiesen

          Und doch stach aus Köhlers versöhnlichem Geburtstagsvortrag ein Wort heraus: Diktatur. Auf die merkwürdige Debatte der vergangenen Wochen, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei oder doch eher ein Teil-Rechtsstaat, etwa im Verkehrs- und Mietrecht, reagierte Köhler mit ähnlicher Deutlichkeit wie Bundeskanzlerin Merkel. Der Professorin Schwan dagegen war der Begriff Unrechtsstaat zu „diffus“. Ein Schelm, wer daran denkt, dass sie Bundespräsidentin nur mit Hilfe der Linkspartei werden könnte.

          Die hat sich ihrer totalitären Vergangenheit nicht gestellt, geriert sich aber als Anwältin der angeblich Ausgebeuteten und Unterdrückten im freiheitlichsten und fürsorglichsten Staat, den es auf deutschem Boden je gegeben hat. Schon vergessen, warum die SED-Diktatur und ihre Misswirtschaft die Systemkonkurrenz nicht überstanden? Die friedlichen Revolutionäre von 1989 wussten es noch. Sie nahmen das Angebot des Grundgesetzes wahr, „in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden“. Zwanzig Jahre schon, ein Drittel der Geschichte der Bundesrepublik, leben die Deutschen gemeinsam unter diesem Dach. Selten zuvor hat sich ein Provisorium als so attraktiv und so zukunftsfähig erwiesen. Das ist wahrlich ein Grund zum Feiern.

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