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Wahlen im Libanon : Showdownstimmung und Stimmenkauf

  • -Aktualisiert am

Ein Plakat mit dem ermordeten Premierminister Rafik al-Hariri und seinem Politiker-Sohn Saad Bild:

Im Libanon stilisieren die einstigen „Zedernrevolutionäre“ die Wahl am Sonntag zur Entscheidungsschlacht mit den Iran und Syrien zuneigenden Kräften. Stimmen sollen gekauft worden sein. Auch deshalb werden am Sonntag tausende Wahlbeobachter im ganzen Land präsent sein.

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          Gezählt werden die Tage Rafiq Hariris nun nicht mehr. Die großen Leuchtziffern über dem Bild des ermordeten Multimilliardärs am Beginn von Beiruts Hamra-Straße sind ausgeschaltet – vier Jahre lang hatten sie die seit dem Mord an Libanons langjährigem Ministerpräsidenten vergangene Zeitspanne markiert. Als kurz vor dem dritten Jahrestag des Attentats im Februar 2008 die Tausendtagegrenze erreicht war, wurde kurzerhand eine vierte Leuchtfläche angebracht. Doch auch die leuchtet dieser Tage nicht mehr. Die Erinnerung an den wichtigsten Nachkriegspolitiker des Landes ist zwar nicht verblasst, mit der Parlamentswahl an diesem Sonntag aber dürfte die auf den Hariri-Mord folgende relative Dominanz prowestlicher Parteien in Parlament und Regierung vorerst zu Ende gehen. Allenfalls eine hauchdünne Mehrheit der 128 Sitze trauen optimistische Beobachter dem nach dem Datum der größten Demonstration des „Beiruter Frühlings“ 2005 benannten „14. März“-Bündnis zu. Auf mehr Kooperation mit der Hizbullah-geführten Opposition als in der zu Ende gehenden Legislaturperiode stellen sich dessen Protagonisten schon ein.

          Denn die „Zedernrevolutionäre“ um den sunnitischen Mehrheitsführer im Parlament, Hariris Sohn Saad, den drusischen Chef der Sozialistischen Fortschrittspartei (PSP), Walid Dschumblatt, und den früheren christlichen Präsidenten, Amin Dschemeijel, haben ausgeträumt – selbst wenn sie verbal mit aller Macht an den Errungenschaften des „Beiruter Frühlings“ festhalten.

          „Die demokratische Republik muss verteidigt werden und die souveränen Kräfte müssen gewählt werden“, sagte Dschemeijel am Mittwochabend bei einer Wahlveranstaltung im mehrheitlich christlichen Ostbeirut und warnte vor einem Sieg der Hizbullah und ihrer Verbündeten: In die Hände einer „totalitären Partei“ fiele dann das Land; die Einhaltung der Bürgerrechte könnte nicht mehr garantiert werden.

          Der Führer der anti-syrischen Allianz, Saad Al-Hariri, bei einer Rede vor Anhängern
          Der Führer der anti-syrischen Allianz, Saad Al-Hariri, bei einer Rede vor Anhängern : Bild: REUTERS

          Die Ungewissheit, was ein Sieg der Opposition wirklich bringen wird, ist spürbar in diesen lauen Frühsommertagen in Beirut. „Sei froh, dass du noch nicht im Tschador herumlaufen musst“, frotzelt die Mitarbeiterin einer politischen Stiftung im Gespräch mit ihrer Kollegin. Daran, dass Generalsekretär Hassan Nasrallah und seine Kader langfristig einen rigiden Gottesstaat nach iranischem Vorbild anstreben, hegt die im von der Hizbullah beherrschten Südbeirut lebende Frau keine Zweifel.

          Das Spiel mit der Angst

          Eine mit einem Libanesen verheiratete Amerikanerin fürchtet um freien Zugang zu Alkohol im Westbeiruter Ausgehviertel Hamra. Zwar boomt der Stadtteil – an allen Ecken sind neue Cafés und Kneipen entstanden –, darunter sind aber auch einige Restaurants, die weder Wein noch Bier oder gar Schnaps servieren. Erinnerungen an die erste Hälfte der achtziger Jahre, als militante islamistische Gruppen die Gegend kontrollierten, werden wach – und alte Ängste kommen hoch, die von den „14. März“-Politikern munter geschürt werden: Ein Wahlsieg der Opposition, sagt der früher mit Israel verbündete christliche Chef der Forces Libanaises (FL), Samir Dschadscha, werde „den Libanon in ein großes Gaza verwandeln“. Aber von einer Übernahme des Landes ähnlich dem Putsch der Hamas im Gazastreifen 2007 ist der Libanon weit entfernt. Seit dem Aufstand der Hizbullah im Mai vergangenen Jahres, als die schiitische Parteimiliz Teile Westbeiruts handstreichartig übernahm, hat sich die Lage kontinuierlich entspannt.

          „Vote for me – Diamony“ wirbt eine Schmuckkette, „Vote for me – not politicians“ die mit rosa Top bekleidete Schaufensterpuppe in einer Boutique. Geruhsam schlendern ernährungsbewusste Beiruter über einen neu eröffneten Ökomarkt, die benachbarte „Bread Republik“ serviert Aubergine-Sandwiches und Café Latte. Ein Hauch von Bionade-Biedermeier wie in Berlins Prenzlauer Berg liegt über Beirut, von Vorzeichen eines nahenden Gottesstaates keine Spur.

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