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Wie läuft es in Thüringen? : Dreiklang mit Flammenorgel

Freie Sicht: Das Timber Prototype House in Apolda, ein Projekt der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen. Bild: IBA Thüringen/Thomas Müller

Abwanderung, leere Kirchen, Fichtenkrise: Das ländliche Thüringen hat ähnliche Probleme wie andere ostdeutsche Bundesländer, doch sucht es nach anderen Lösungen. Und findet welche, dank der Bauausstellung. Ein Besuch vor der Landtagswahl.

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          Wenn man mit dem Zug von Erfurt nach Weimar fährt, was ziemlich schnell geht, und dann noch zehn Minuten weiter, dann kommt man nach Apolda. Ein kleines thüringisches Städtchen, das bislang eher nicht auf der Landkarte architekturinteressierter Menschen auftauchte. Allerhöchstens einer alten Feuerlöschgerätefabrik wegen, ein Frühwerk von Egon Eiermann, der als bedeutender Architekt der Nachkriegsmoderne bekannt werden sollte. Er erweiterte die alte Weberei aus dem Jahr 1908 und baute sie zu einem Gebäude von ozeandampferhafter Leichtigkeit aus, mit weißlackierten Stahlgeländern wie eine Reling und einer Dachterrasse als Pausenbereich für die Arbeiter, die sich dort fühlen konnten wie Matrosen an Deck, überwölbt von einem schwebenden Betonhimmel im luftigen Eiermannblau. Bislang stand das Gebäude leer, nun residiert dort die IBA, die Internationale Bauausstellung, und macht sich Gedanken, wie mit der zerfaserten Siedlungsstruktur dieses Bundeslandes umzugehen ist.

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          Alle zwei Kilometer ein Dorf, alle zwanzig Kilometer eine Stadt: Diese thüringische Selbstbeschreibung trifft die Sache erstaunlich gut. Neunzig Prozent des Bundeslandes sind ländlicher Raum, die Landeshauptstadt Erfurt geht mit 214.000 Einwohnern nicht eben als Metropole durch, danach folgen Jena, Gera, Eisenach, Weimar. Keine der Städte hat einen nennenswerten Speckgürtel, hinter der Stadtgrenze hat man gute Chancen, auf Acker zu treffen (der bedeckt fünfzig Prozent des Landes) oder auf Wald (33 Prozent). Das hat historische Gründe; das Land ist seit jeher zersiedelt und war lange in ein kompliziertes Geflecht von Kleinstfürstentümern zersplittert, jedes zweite Städtchen hat ein Schloss und gern ein eigenes Theater oder ein Orchester dazu. Die gängigen Vorstellungen vom kulturellen Zentrum und dem öden Vakuum drumherum, von der aufregenden Stadt und dem bestenfalls ästhetisch hübsch anzusehenden, aber rückständigen Land funktionieren in Thüringen nicht.

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