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Wahlsieger Ramelow : Linker Pragmatiker

  • -Aktualisiert am

So sehen Sieger aus: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow in Erfurt. Bild: AFP

Für die zuletzt in Wahlen abgestrafte Linkspartei ist Bodo Ramelow Gold wert. Der Niedersachse macht die Linke als beliebter Ministerpräsident von Thüringen zum ersten Mal zur stärksten Kraft in einem Bundesland. Ein Porträt.

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          Zum ersten Mal hat die Linke eine Landtagswahl gewonnen, und dass das ausgerechnet in ihrer bisher größten Krise passiert, hat vor allem mit Bodo Ramelow zu tun. Dabei wirkten seine Aussichten, als Christ und Westdeutscher ausgerechnet bei der Linken im Osten Karriere zu machen, denkbar ungünstig. Heute ist Ramelow der mit Abstand beliebteste Politiker im Land, fast zwei Drittel der Thüringer sind mit ihm und der Arbeit seiner Regierung zufrieden, selbst 40 Prozent der CDU-Anhänger sagten das vor der Wahl. Kam zu glauben, dass sich vor fünf Jahren noch 4000 Menschen auf dem Domplatz in Erfurt versammelt hatten, um gegen einen linken Regierungschef zu protestieren. Diese Woche kamen gerade mal ein Dutzend Bürger aus gleichem Anlass zusammen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Ramelow ist ein guter Rhetoriker, vor allem aber Pragmatiker statt Ideologe. Von Anfang an hat er der Linken klar gemacht, nicht Ministerpräsident einer Partei, sondern des Landes zu sein. So wurde er zu einem geachteten Landesvater. Zugleich dürfte er als Amtsinhaber auch von der Auseinandersetzung mit der AfD profitiert haben, die auch in Brandenburg und in Sachsen die jeweiligen Regierungschefs von CDU und SPD stärkte.

          Ob der Wahlsieg für eine Neuauflage der rot-rot-grünen Koalition reicht, die in Erfurt fünf Jahre lang geräuschlos regierte, stand am Abend noch nicht fest. Dennoch hat Ramelow entgegen aller Unkenrufe und Befürchtungen bewiesen, dass ein solches Bündnis trotz der knappen Mehrheit von nur einer Stimme funktionieren kann. Noch 2009, als Linke, SPD und Grüne über eine vergleichsweise komfortable Mehrheit verfügt hätten, war Rot-Rot-Grün auch wegen des bisweilen ungezügelten Temperaments Ramelows nicht zustande gekommen. Doch der 63 Jahre alte Politiker hat daraus gelernt, er nahm sich zurück, und 2014 waren SPD und Grüne bereit, das Bündnis einzugehen, das sie nun gern fortsetzen würden.

          Ramelow wuchs in Niedersachsen auf, er lernte Einzelhandelskaufmann und zog 1990 als Sekretär der damaligen Gewerkschaft HBV von Hessen nach Thüringen, wo er unter anderem durch den Kampf gegen die Schließung des Kalibergbaus in Bischofferode bekannt wurde. 1997 zählte er zu den Erstunterzeichnern der „Erfurter Erklärung“, eines Aufrufs von Künstlern, Gewerkschaftern und Politikern, die sich für eine engere Zusammenarbeit von SPD, Grünen und der damaligen PDS aussprachen. 1999 trat Ramelow in die PDS ein, im gleichen Jahre wurde er erstmals in den Thüringer Landtag und zwei Jahre später zum Fraktionsvorsitzenden gewählt. Mit ihm als „Ministerpräsidenten-Kandidat“ erreichte die PDS 2004 mit 26 Prozent ihr bis dahin bestes Thüringer Ergebnis.

          Im Jahr darauf wurde Ramelow in den Bundestag gewählt. In Berlin organisierte er den Zusammenschluss von PDS und WASG. Seit 2009 ist er zurück in Thüringen, wo der Vater zweier erwachsener Söhne mit seiner dritten Ehefrau, Germana Alberti vom Hofe, sowie dem Hund Attila ein Blockhaus bewohnt und in seiner Freizeit gerne Holz hackt.

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