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Linkspartei : Ramelow im Präsidenten-Modus

  • -Aktualisiert am

Von unten nach oben und von oben herab, Bodo Ramelow schafft beides gleichzeitig: der Spitzenkandidat der Linkspartei in Thüringen auf einer Wahlveranstaltung am Mittwoch in Altenburg Bild: Reuters

„Die Linke“ in Thüringen sieht sich bald in der Verantwortung, ihr Spitzenkandidat Ramelow probt schon mal die Rolle des Landesvaters. Die Chancen auf eine Koalition unter seiner Führung stehen gut.

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          Auf seinen Wahlplakaten verkündet Bodo Ramelow von oben herab: „Ich bin bereit.“ Der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei in Thüringen meint damit: Bereit, um Deutschlands erster Ministerpräsident der Linkspartei zu werden. Wie ein Pionierappell wirke das Plakat, scherzt der SPD-Landesvorsitzende Christoph Matschie. Doch eine solche Stichelei lässt Ramelow in diesen Tagen ungerührt. Er befindet sich schon ganz und gar im Präsidenten-Modus. Aus den Alltagsmühen des Politikbetriebes hält er sich heraus. Im Landtag, als die Abgeordneten im August über den Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses debattierten, habe Ramelow das Auftreten eines Ministerpräsidenten imitiert, sagt einer, der dabei war – Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen.

          Ramelow dankte der CDU-Ministerpräsidentin „Frau Lieberknecht und der ganzen Landesregierung“, dass sie alle Fraktionen nach dem Auffliegen der NSU-Mordserie eingeladen habe, um den Umgang mit den Taten zu diskutieren. Er würdigte den – in der Linkspartei eher unbeliebten – Innenminister, Jörg Geibert (CDU), weil er sich dem Verlangen der anderen Innenminister widersetzt hatte, dem NSU-Ausschuss keine Akten mit ungeschwärzten Klarnamen zur Verfügung zu stellen. Die Rolle, in die Niederungen des Wahlkampfs hinabzusteigen, überlässt Ramelow seiner Parteivorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow. Stattdessen erfahren die Leser aus Zeitungen und Magazinen, dass Ramelow überzeugt sei: „Ich habe einen Bürgerkrieg verhindert“ – damals im Streit über das Kaliwerk Bischofferode in den neunziger Jahren.

          Ein Kandidat macht sich interessant

          Und seine Gattin zeigt sich des angestrebten Amtes ihres Mannes beinahe schon überdrüssig, bevor der es überhaupt erreicht hat: „Tja, es ist wohl das letzte Mal für lange Zeit, dass wir uns frei bewegen können, so ganz ohne Leibwächter“, wurde sie in der Zeitschrift „Focus“ zitiert. Es wird so viel über Ramelow berichtet, dass die Amtsinhaberin Lieberknecht ein bisschen neidisch erscheint. Ob alles stimmt, was über Ramelow geschrieben wird, sei dahingestellt. Aber er hält das Stöckchen, über das die anderen springen. Er macht sich interessant, um dann aber auch die Grenzen der Berichterstattung mit aller juristischen Entschlossenheit aufzuzeigen. In der „Tageszeitung“ steht, seine Mutter habe ihn wegen seiner schulischen Leistungen mit der Peitsche geschlagen. Von „Gewaltorgien“ soll er gesprochen haben.

          Kaum eine Reflexion über Ramelow versäumt, seine Legasthenie zu thematisieren. Als aber jüngst ein Autor der Zeitung „Thüringer Allgemeine“ zu dem Schluss kam, Ramelow sei ein Narzisst, wurde er ungehalten und forderte von der Chefredaktion die Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung. Die Korrespondenz versandte er im ganzen Land. Nun haben es alle schriftlich: „Lesen konnte und kann ich und zwar sehr gut“, steht dort als einer von vielen Punkten. Auch dass Ramelow nie Lehrling in Marburg gewesen sei, sondern dort Lehrlinge ausgebildet habe. Ferner habe er nicht an der Beerdigung von Professor Wolfgang Abendroth teilgenommen, und der „Abbruch des Interviews“ mit dem „Spiegel“ sei aufgrund von Beleidigungen durch den fragenden Journalisten „notwendig“ gewesen. Das ist eben auch ein Wesenszug des Kandidaten Ramelow. Er gilt als dünnhäutig und empfindsam.

          Unverzichtbar, weil er anders ist

          Ramelow ist nicht die Linkspartei, und genau deshalb ist er für sie unverzichtbar. Keiner seiner Thüringer Parteifreunde ist in der Lage, sich dank Gestus, Habitus und Sprache so gut in Szene zu setzen, zum Angriff zu blasen und Themen zu setzen. Das trägt ihm Respekt ein, aber in den eigenen Reihen nicht nur Zuneigung. Offene Kritik am Spitzenkandidaten gibt es nicht, denn offener Streit nutzt nur dem Klassenfeind. Das haben die Parteimitglieder verstanden. Aber wenn Ramelow eine seiner Pressekonferenzen gibt und sehr lange spricht, gehen Fraktionskollegen auf dem Flur vorüber und schmunzeln wissend oder blicken genervt nach oben. Da hat einer mal wieder viel zu erzählen, soll das heißen.

          Ramelows Forderung nach einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte nervt viele in der Partei. Trotzig blieb ein Genosse gegen Ramelows Widerspruch auf einem Parteitag dabei, dass er aus Karl-Marx-Stadt und nicht aus Chemnitz stamme. Vielleicht weniger in der Fraktion, aber in den Grundorganisationen der Partei, wo noch zahlreiche alte SED-Genossen zu finden sind, hat die Partei ein Problem mit Ramelows „offen 'raushängendem Christentum“. Ramelow bezieht sich in seiner Genealogie auf den Stadtpfarrer von Frankfurt, der Goethes Eltern getraut hat. Dann geht den Zuhörern ein Licht auf: Die Nachfahren beider Familien, Johann Wolfgang und Bodo, zog es also nach Thüringen.

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