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Wahl in Thüringen : CDU in Lauerstellung

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Wahlkampf auf dem Land: Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht bei der Kartoffelernte im thüringischen Heichelheim Bild: dpa

Die Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht, scheint ihre Scheu vor Konflikten überwunden zu haben. Und sie ist entschlossen, ihr Amt in der Wahl am Sonntag zu verteidigen.

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          Wer Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) in diesem Wahlkampf erlebt, wird Zeuge einer Metamorphose. Ein Pastor von der SPD beschrieb sie jüngst noch als „merkelianisch“. Nichts hafte an ihr. Alles perle ab. Man werde ihrer nicht habhaft. Doch der schützende Kokon des Zögerlichen, den Lieberknecht um sich gesponnen hat, um die Dekaden politisch zu überleben, ist aufgebrochen. Im Wahlkampf präsentiert sich eine Frau, die zu ihrer Macht steht.

          Ob in der Atmosphäre eines Bierzelts, gegenüber Unternehmern im katholischen Eichsfeld, im inszenierten Dialog mit einem von der Partei bezahlten Moderator in der „Lieberknecht Arena“ oder im echten Dialog mit einer gepflegten Dame im Rentenalter mit klassischer SED-Vita: Lieberknecht, die Pastorin aus dem Weimarer Land, hat ihren Tonfall verändert. Sie liest Reden nur noch selten vom Blatt ab, flüchtet sich nicht mehr so häufig in einen pastoralen Tonfall, als könnte sie etwas vortäuschen, was dem Inhalt des Gesagten fehlt.

          Wenn sie auf Parteitagen vom „lieben Mike“ oder vom „lieben Dieter“ sprach, dem Fraktionsvorsitzenden Mohring und dem früheren Ministerpräsidenten Althaus, verstummte die versammelte Basis stets in eisiger Stille, denn jeder wusste, dass Lieberknecht die beiden alles andere als liebte, und keiner verstand, warum sie eine Zuneigung vorzutäuschen versuchte, die es nicht gab. War es Unsicherheit oder eine Finte? Viele Parteimitglieder konnten nie völliges Vertrauen zu ihr fassen.

          Lieberknecht: „Einen Claim abstecken“

          Aber nun, zum Ende des Wahlkampfs, wird die Amtsinhaberin immer authentischer. Wie das kesse Mädchen auf dem Moped, ein Jugendbild, mit dem sie einmal für sich geworben hatte: entschlossen, schlagfertig und doch in intellektueller Distanz zu sich selbst, wenn sie nicht gerade ein Donnerwetter gegen „die Konzerne“ loslässt, am liebsten gegen jene, die Energie bereitstellen oder Bodenschätze fördern. Diese Abneigung würzt sie gerne mit einem Schuss Chauvinismus gegen die Amerikaner, der die Anhänger der Linkspartei und der AfD gleichermaßen zum Strahlen brächte.

          Als etwa die Sprache darauf kommt, dass ein kanadisches Unternehmen, ebenso wie es ein deutsches gegenwärtig in Kanada tut, in Thüringen nach Salzen suchen möchte, da fragt die Ministerpräsidentin laut und kühn: „Wie kommt eine kanadische Firma dazu, sich hier einen Claim abzustecken? Wie kommen diese Leute dazu, sich mit unserer Landschaft ihren Profit abzusichern? Es gibt Felder, da gibt es Null-Toleranz.“ Aufbrausender könnte es ihr Konkurrent im Wahlkampf, Bodo Ramelow von der Linkspartei, nicht sagen. Die beiden mögen einander übrigens und duzen sich.

          Doch anders als Ramelow suchte Lieberknecht bisher nicht die Herausforderungen. Diese kamen irgendwie auf sie zu. „Immer wieder gibt es Dinge, die laufen auf eine Entscheidung hin. Aber ich weiß nicht, was die Entscheidung sein wird, doch ich spüre, dass sich die Dinge auflösen“, sagt Lieberknecht.

          Ist ihre Weste so rein wie ihre Sonntagsreden?

          In langen Prozessen bahnen sich für sie die Veränderungen an. Das Wasser steigt, aber keiner tut etwas. Dann kommt der „qualitative Sprung“, und Lieberknecht handelt, „weil ich das Gefühl habe, die Situation verlangt nach Auflösung, und es liegt an mir, sie aufzulösen“. Dann plötzlich lässt sie die Dinge nicht mehr treiben und hat eine ungeahnte Kraft, die für sie zu ihrer Biographie gehört. Es ist vor allem die Übernahme von Verantwortung, von der Lieberknecht sich gerufen fühlt.

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