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Unwillige Wähler : Thüringer Ströme

Nicht honoriert: Christoph Matschie, Thüringer Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur am Sonntag in Erfurt Bild: dpa

Allen Widrigkeiten zum Trotz ist die Union nicht nur stärkste Partei geblieben, sondern hat sogar ein wenig zugelegt: Bodo Ramelow, der Spitzenkandidat der Linkspartei, machte es möglich.

          Bürger, die in ihrer Mehrzahl nicht mehr wissen oder wissen wollen, wie sich Unfreiheit anfühlt, eine Partei, die nach in 25 Jahren an der Macht sichtlich verbraucht ist, eine Ministerpräsidentin ohne Fortune und ohne Amtsbonus - die Thüringer CDU hätte sich in dieser Landtagswahl auch dann schwergetan, wenn nicht mit der AfD eine Partei mit Argumenten um Stimmen geworben hätte, die zum Teil aus alten Wahlprogrammen der Unionsparteien hätten stammen können. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz ist die Union nicht nur stärkste Partei geblieben, sondern hat auf niedrigem Niveau zugelegt: Bodo Ramelow, der Spitzenkandidat der Linkspartei, machte es möglich.

          Denn ebenso wie der Ausgang der Landtagswahl in Sachsen schon Monate vor der Abstimmung feststand, so war in Thüringen etwas anderes seit langem sicher: Nur eine Stimme für die Union wäre eine Stimme gegen den Versuch, in Erfurt ein Vierteljahrhundert nach der friedlichen Revolution die erste Landesregierung unter Führung der SED-Nachfolger namens Linkspartei zu bilden.

          Maßgebliche Politiker von SPD und Grünen hatten nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie fast jeden Preis dafür zahlen würden, die CDU erstmals seit dem Bestehen des Freistaates in die Opposition zu schicken.

          Die SPD, die sich personell und programmatisch längst mit der Rolle der drittstärksten Partei abgefunden hatte, weil damit in Thüringen die Rolle des Königsmachers gesichert ist, hat der Spagat zwischen CDU und Linkspartei schier zerrissen. Auch die Grünen haben ihre Wähler mit der Aussicht nicht hinter sich bringen können, das grüne Zünglein an der rot-roten Waage zu spielen. Und die Linkspartei? Trotz einer Machtperspektive, die so konkret war wie nie, trotz der starken antieuropäischen und antiwestlichen Affekte, die sich in der Wählerschaft zwischen Ostsee und Vogtland ungehemmt breitmachen, konnten Ramelow und Co. nicht mobilisieren - die AfD bediente dieselben Ressentiments.

          Alles in allem aber hatten die Thüringer am Sonntag wirklich die Wahl, die die Sachsen und die Brandenburger nicht hatten. In Deutschlands geographischer Mitte stärkten sie links und rechts diejenigen Kräfte, die die Bundesrepublik aus der Westbindung heraus und in ein nationalistisches Fahrwasser steuern wollen. Ob diese die Chance nun ergreifen, wird sich zeigen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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