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Steinbach in Thüringen : Mir geb’n net uff

Leerstand: In Steinbach lebten vor 1989 doppelt so viele Menschen. Bild: Robert Gommlich

Das thüringische Steinbach teilt das Schicksal vieler anderer Orte: Wegzug vieler junger Menschen, Verlust von Arbeitsplätzen. Dennoch hat die AfD dort nicht Fuß gefasst. Woran liegt das?

          8 Min.

          Der Konflikt ist jetzt praktisch unausweichlich. „Marcus!“, ruft die ältere Dame barsch von der anderen Seite der schmalen Straße, die Marcus Malsch gerade hinunterläuft. „Komm mal rüber!“ Malsch tut wie geheißen. „Das ist unsere Dorfälteste“, flüstert er noch schnell, bevor er sich ihr zuwendet. „Anneliese, meine Gute, wie geht’s dir?“ Statt einer Antwort zeigt sie mit ausgestrecktem Arm auf ein verwildertes Grundstück mit einem verfallenden Haus. „Der Saustall hier muss weg!“, fordert sie und schiebt, weil sie neulich vergeblich habe warten müssen, gleich noch nach: „Der Bus um 12.10 Uhr, der muss fahren!“ Malsch, 41 Jahre alt, war mal stellvertretender Bürgermeister und ist seit fünf Jahren Landtagsabgeordneter der CDU, zuständig auch für den ländlichen Raum. Im thüringischen Steinbach aber ist er als Macher bekannt. Er verspricht, sich zu kümmern, dann kommt die Rede auf die Kirmes, die das Dorf gerade gefeiert hat, und die Augen der Frau beginnen zu leuchten. „Also unsere Kirmes war doch wieder die Allerschönste“, sagt sie.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Anneliese Neubauer, 95 Jahre alt, war selbstverständlich mit im Festzelt, denn die Kirmes in Steinbach ist die größte weit und breit. Mit 5000 Menschen haben sie hier von Donnerstag bis Montag gefeiert, mit Kirmestanz und Umzug. „Wenn wir hier was machen, kommen die Leute auch von außerhalb“, sagt Malsch. Steinbach im Wartburgkreis, 1000 Einwohner, liegt auf der Südseite des Thüringer Waldes. Serpentinenreich windet sich die Straße von Eisenach den Berg hinauf über den Kamm, und dann öffnet sich bald der Blick in ein Tal, in dem sich dicht an dicht Fachwerkhäuser reihen. In den engen Gassen bleiben immer wieder mal Autos stecken, deren Fahrer blind ihrem Navigationsgerät vertrauen. Der Kirchturm ist unübersehbar, ihn überragt der steilste Bergfriedhof Deutschlands.

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