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Landtagswahl in Thüringen : Kyffhäuser, drin der Rotbart haust

Das Kyffhäuserdenkmal Bild: Picture-Alliance

Wer Thüringen verstehen will, muss in den Norden des Landes fahren. Erst zu Barbarossa, dann zum Elefantenklo.

          7 Min.

          Der Kyffhäuser ist ein vergleichsweise kleines Mittelgebirge im Norden von Thüringen, hart an der Grenze zu Sachsen-Anhalt. Seine höchste Erhebung misst nicht einmal fünfhundert Meter. Die Landschaft ist dennoch überwältigend. Motorradfreunde lieben den Kyffhäuser, weil sie 36 scharfe Kurven hinauf- und hinunterfahren können. Seit fast tausend Jahren erhebt sich eine Burg auf dem Kyffhäuser, einst kamen Könige und Kaiser hierher. Die fruchtbare Goldene Aue zu Füßen des Gebirges sicherte gute Einkünfte.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Heute jedoch ist es eine eher arme Gegend. Die Arbeitslosigkeit nach dem Ende der DDR war hier so hoch wie nirgendwo sonst in Thüringen, mitunter lag sie bei dreißig Prozent. Derzeit ist sie deutlich niedriger, aber im Landesvergleich immer noch auffällig.

          Die AfD ist hier stark

          Das dürfte einer der Gründe sein, weshalb die AfD hier stark ist. In Bad Frankenhausen, der nächsten größeren Stadt, war die Partei bei der Bundestagswahl stärkste Kraft, bei der Kommunalwahl erreichte sie sogar dreißig Prozent. Auch sonst erzählt der Kyffhäuser manches über die thüringische Verhältnisse.

          So schwierig bis heute die wirtschaftliche Lage ist, so reich wirkt die Gegend an Denkmalen. Der Kyffhäuser wurde weithin bekannt durch die Sage, hier schlafe Kaiser Barbarossa und warte darauf, dass die Deutschen sich einten. Der wirkliche Barbarossa starb 1190, als er mit vollem Bauch in einen Fluss baden ging und ertrank. In der Sage sitzt er in einem unterirdischen Schloss des Kyffhäusers schlafend auf einem Stuhl von Elfenbein und stützt sein Haupt auf einen Marmortisch. Sein roter Bart leuchtet wie die Glut des Feuers und ist durch den Tisch und um denselben herum gewachsen.

          Alle hundert Jahre lässt Barbarossa prüfen, ob die zwieträchtigen Raben noch um den Berg fliegen und krächzen. Erst wenn ein mächtiger deutscher Adler sich aufschwingt und die Raben verscheucht, wird der Kaiser mit seinen Getreuen hervorkommen.

          Bei der Reichseinigung 1871 glaubte man, dass Wilhelm I. ein Wiedergänger des Kaisers sei. Genealogen versuchten, eine direkte Abstammung Wilhelms von Barbarossa nachzuweisen. In diesem Geist entstand auch das Kyffhäuserdenkmal. Als es 1990 tatsächlich so weit war mit der deutschen Einheit, spielte der Kyffhäuser keine Rolle. Weder gab es Raben noch einen Adler zu sehen, noch trat Barbarossa mit seinen geharnischten Mannen hervor. Nur die Besucherzahlen auf dem Kyffhäuser erreichten fast eine halbe Million. Viele Westdeutsche wollten endlich mal dort oben stehen an diesem mythenbeladenen Ort und den Blick schweifen lassen über die wiedergewonnene mitteldeutsche Landschaft.

          Der Kaiser hingegen ruht immer noch in der Tiefe. Die Barbarossahöhle, nur ein paar Kilometer vom Denkmal entfernt, ist eine geologische Rarität auf der Südseite des Gebirges. 1856 wurde sie von Bergleuten entdeckt und bald darauf für den Besucherverkehr geöffnet. Darin steht ein steinerner Tisch und ein steinerner Stuhl, also weder Marmor noch Elfenbein. Auch der Kaiser fehlt. Dafür kann sich der Höhlenbesucher dorthin setzen und einmal den verwunschenen Kaiser spielen. Aber wirklich verwunschen oder sagenhaft ist da unten nichts mehr. Heiraten kann man in der Höhle. Zu Halloween gibt es Gruselführungen.

          Bei allem, was die Höhle heute an Unterhaltung zu bieten hat, muss man ihr zugutehalten, dass sie in die ernste deutsche Dichtkunst eingegangen ist. In die patriotische bei Friedrich Rückert in seinem Gedicht „Barbarossa“: „Er hat hinabgenommen des Reiches Herrlichkeit und wird einst wiederkommen mit ihr zu seiner Zeit.“ Aber auch in die satirisch-bissige bei Heinrich Heine, wo es in „Deutschland ein Wintermärchen“ über den Kaiser in seiner Tiefe heißt: „Schläft er oder denkt er nach? Man kann’s nicht genau ermitteln; Doch wenn die rechte Stunde kommt, wird er gewaltig sich rütteln.“ Heine macht sich lustig über den Rotbart, und sowieso will er einen Kaiser nicht wiederhaben.

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