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Landtagswahl in Thüringen : Wie die CDU zerrieben wurde

Spielt nicht mehr die Hauptrolle: CDU-Kandidat Mike Mohring (2.v.r.) zwischen AfD-Politiker Björn Höcke und Ministerpräsident Bodo Ramelow (r.). Bild: Reuters

Die CDU-Wähler sehen ein Bündnis mit der Linken deutlich pragmatischer als die Parteispitze. Was der Linken neben Ramelow in Thüringen zum Sieg verhalf – und wieso viele die AfD wählten, obwohl sie Höcke ablehnen: eine Analyse.

          5 Min.

          Ein eindeutiger Sieg: Die Linkspartei hat nicht nur in Thüringen ihr bislang bestes Ergebnis erzielt, es ist auch das beste bei einer Landtagswahl überhaupt seit 1990. Woran das liegt? Auf den ersten Blick vor allem an Bodo Ramelow. Seine Beliebtheit im Bundesland ist groß. Bei einer Direktwahl hätten die Thüringer laut Forschungsgruppe Wahlen mit 53 Prozent für ihn gestimmt. 73 Prozent finden, dass er seine Sache gut macht. Sie finden ihn sympathischer (38 Prozent) und kompetenter als seinen Herausforderer Mike Mohring (CDU). Wie Dietmar Woidke (SPD) in Brandenburg und Michael Kretschmer (CDU) in Sachsen hat Ramelow vor allem als Amtsinhaber gewonnen. 40 Prozent der neuen Linke-Wähler kämen ohne den Regierungschef nicht auf die Idee, für die Partei zu stimmen.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Dabei hat sich auch die Wählerschaft der Linkspartei verändert. 72 Prozent stimmten aus Überzeugung für die Linke, wie Infratest Dimap ermittelt hat, ein Plus von 16 Prozentpunkten – im gleichen Maße sank der Anteil derer, die aus Enttäuschung über andere Parteien für die Linke stimmten. Das bedeutet, die Linke zieht weniger sogenannte Protestwähler an. Dazu passt, dass Ramelow schon vor der Wahl in einem Interview gesagt hatte, gerade in dieser Gruppe habe seine Partei geringere Chancen. Wer seinem Ärger Luft machen will, stimmt eher für die AfD. An diese hat die Linke 17.000 Stimmen verloren. Gewonnen hat sie aber von CDU, SPD, Grünen und im erheblichen Maße von ehemaligen Nichtwählern.

          Stärke beruht auf älteren Wählern

          Über die Figur Ramelows hinaus dürfte für den Erfolg entscheidend gewesen sein, dass Bildung und Schule allgemein von den Wählern als die wichtigsten Themen gesehen werden und der Linkspartei eine besonders hohe Kompetenz (28 Prozent) in dem Bereich zugestanden wird. 40 Prozent finden, dass die Linke stärker ostdeutsche Interessen vertritt als andere Parteien.

          Dabei ist es der Linkspartei gelungen, auch bei den Direktmandaten gute Ergebnisse zu erzielen. Besonders in Mittelstädten und Landgemeinden verzeichnet die Linke ein Plus von zwei bis drei Prozentpunkten, während sie in Großstädten wie Erfurt oder Jena ungefähr auf dem gleichen Niveau von rund 30 Prozent blieb. Die Machtbasis der Partei bleiben ältere Wähler: Bei den unter 30-Jährigen kommt die Linke auf 22 Prozent, bei Wählern über 45 auf 27 Prozent, bei Wählern über 60 sogar auf 40 Prozent. Dass die Linkspartei als Nachfolgepartei der SED mehr als 30 Prozentpunkte bekommen hat, hängt also entscheidend mit einer Gruppe von Menschen zusammen, die einen Teil ihres Erwachsenenlebens noch in der DDR gelebt haben.

          Das katastrophale Ergebnis der CDU, die das eher konservative Thüringen über Jahrzehnte regiert hat und bis zuletzt stärkste Fraktion im Landtag war, lässt sich weniger leicht erklären. Mike Mohring ist als Herausforderer im Land bekannt, er hat auch vergleichsweise hohe Sympathiewerte; er war, was Kompetenz und Sachverstand betrifft, keineswegs abgeschlagen. Auch werden der CDU in Sachen Wirtschaft und Arbeit relativ hohe Kompetenzwerte zugestanden.

          Ihre Wähler verlor die CDU aber laut Infratest Dimap an die Linkspartei (20.000), die Grünen (5.000) und besonders an die AfD (36.000). Auch wenn es medial eine Duell-Situation zwischen Mohring und Ramelow gab, was sich auch in den zuletzt beinahe gleichauf liegenden Umfragewerten ausdrückte (24 Prozent CDU, 26 Prozent Linke), scheint die CDU zwischen der AfD auf der einen und der Linkspartei auf der anderen Seite zerrieben worden zu sein. Wer das zufriedene „Weiter so“ wollte, wählte eher den Amtsinhaber, wer Protest zum Ausdruck bringen wollte, die AfD.

          CDU-Wähler sind pragmatisch, was die Linke betrifft

          Bislang ist die Haltung der CDU eindeutig: Sie will weder mit der AfD noch mit der Linkspartei koalieren. Noch am Wahlabend bekräftigte CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak das. Nun ist Rot-Rot-Grün, Ramelows bisherige Koalition, rechnerisch nicht mehr möglich. Auch unter Hinzunahme der FDP, die ein solches Bündnis ausgeschlossen hat, würde es rechnerisch nicht reichen. Ein Bündnis mit der AfD, die in Thüringen besonders radikal ausgeprägt ist, dürfte auch weiterhin ausgeschlossen sein.

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