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Bodo Ramelow : Ein Mann setzt auf Rot

Nur Kopfschütteln hilft da nämlich nicht: Ramelow in Ostfriesland mit seiner Frau Germana Alberti vom Hofe und Hund Attila Bild: Pilar, Daniel

Der aus Westdeutschland stammende Bodo Ramelow könnte in Thüringen der erste Ministerpräsident der Linkspartei werden. Wie konnte es so weit kommen - und wer ist er überhaupt? Beobachtungen vor dem Start des Wahlkampfs.

          11 Min.

          Bodo Ramelow bleibt gelassen. Er hat sich mit Frau und Hund zurückgezogen nach Ostfriesland. Flaches Land, viel Wasser, Schilf wogt im Wind. Einige Tage Ruhe, bevor der Thüringer Wahlkampf in die heiße Phase geht. In kleinkariertem Hemd sitzt er bei einem Holundersaft an einem schmalen Kanal, dann und wann ziehen Boote vorbei. Ramelow ist Spitzenkandidat der Linkspartei, er will Ministerpräsident werden. Der erste seiner Partei. Seine Chancen stehen nicht schlecht. In den letzten Tagen sind wohl auch deshalb die Warnungen vor einer Regierung unter seiner Führung immer vernehmlicher geworden: Von SPD-Politikern, die nicht Juniorpartner sein wollen. Von der CDU-Ministerpräsidentin, die im Amt bleiben will. Als „Sammelbecken für sozialistische Träumer, SED-Altkader und Aktivisten mit Hang zur Militanz“ hat Christine Lieberknecht die Linkspartei bezeichnet. „Und der Chef der Truppe, Bodo Ramelow, tut so, als habe er mit diesen Leuten nichts zu tun.“

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Der Chef der Truppe zeigt in Ostfriesland kaum eine Regung. „Ich lasse mich auf dieses persönliche Beleidigungsspiel nicht ein“, sagt er. Außerdem: „Ich kann den Menschen Christine Lieberknecht gut leiden.“ Und sollte er tatsächlich gewinnen? „Dann wird Thüringen einen Ministerpräsidenten bekommen, der seit 25 Jahren die Transformation im Land begleitet hat. Mit allen Höhen und Tiefen.“ Das sagt er dann schon etwas energischer. Sein Hund heißt Attila und spielt ihm unterm Tisch um die Beine.

          Bodo Ramelow hat vieles richtig gemacht. So klingt es zumindest, wenn Bodo Ramelow über sich redet. Über seinen Kampf um Betriebe und Arbeitsplätze in Thüringen. Von großem Einsatz berichtet er dann, von Siegen und von schmerzhaften Niederlagen. Als Bundeswahlkampfleiter 2005 war er zudem der „erfolgreichste“, „den die Partei bis dahin hatte“. In Thüringen war er darüber hinaus in seiner Partei erst „deutlich der Solokünstler“, danach hat er als „treibende Kraft“ sie umgebaut. Jetzt arbeitet er im Team, und die Landespartei, sagt er, sei bereit für die Regierung. Er ist es offensichtlich schon lange. Da scheint es fast nur noch konsequent zu sein, wenn Ramelow im Herbst tatsächlich Ministerpräsident werden sollte. Oder etwa nicht?

          Es ist noch tiefer Winter, da will Bodo Ramelow auf die Kanzel steigen. Hinter dem Pfarrer kommt er in die Kirche, bleibt unter der goldfarbenen Jesusfigur stehen, den Kopf gesenkt, setzt sich, den Text seiner Predigt in roter Klarsichthülle unter dem Arm. Er blickt ernst. Die Glocken läuten, die Touristen verlassen die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Berliner Ku’damm, die Gläubigen bleiben, sechs, sieben Dutzend sind es vielleicht. Das Haar grau oder schon lange nicht mehr da, nur ein paar Junge sitzen in den Reihen. Der Pfarrer trägt Schnurrbart und stellt Ramelow vor. Politiker sollen in diesem Jahr öfter hier predigen, eine Serie zum Reformationsgedenken. Der Pfarrer fragt: „Könnte es nicht anders sein, als es ist?“ Dann steigt Ramelow auf die Kanzel. Das blaue Licht der vielen winzigen Fenster verschluckt ihn fast. Ramelow sagt: „Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt.“ Und dann beginnt er zu predigen.

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