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Wolfgang Kubicki : „Den haut nichts aus den Schlappen“

  • -Aktualisiert am

Kubicki freut sich über gute Umfragewerte und immer mehr Freunde in Berlin Bild: Pilar, Daniel

Plötzlich wollen alle sein wie Wolfgang Kubicki. Denn der FDP-Außenseiter in Kiel, der seine Partei in den Umfragen wieder auf sechs Prozent gehievt hat, läuft vor der Wahl in Schleswig-Holstein zur Hochform auf.

          Als die gute Nachricht eintrifft, sitzt Wolfgang Kubicki in einem roten Ledersessel auf der Bühne von „Carls Showpalast“ am Rande von Eckernförde. Die Diskussion mit den anderen Kandidaten seines Wahlkreises ist beim Thema frühkindliche Bildung angelangt. Ein paar Mal hat Kubicki schon auf sein Handy geschaut. Jetzt ist die gute Nachricht endlich da: Die neueste Umfrage sieht die FDP bei den schleswig-holsteinischen Landtagswahlen am kommenden Sonntag bei sechs Prozent. Es ist schon die zweite Umfrage, nach der Kubickis Liberale den Wiedereinzug in den Landtag schaffen werden. Das ist kein Zufallshoch mehr, sondern ein Trend. Mit triumphierendem Lächeln hält Kubicki seinem Nebenmann von den Grünen das Display hin.

          Nach der Diskussion steht der schleswig-holsteinische FDP-Vorsitzende mit einem Glas Weißwein am Tresen. Er ist aufgekratzt und zugleich erschöpft, seit Tagen quält ihn eine Bronchitis. Die gute Nachricht ist für ihn keine Erleichterung, eher eine Bürde: „Ich muss mich jetzt zusammennehmen.“ Er, dem eine gute Pointe über alles geht, muss nun seine Zunge hüten, darf nicht mehr über die Stränge schlagen.

          Schluss mit Besserwisserei und Bevormundung

          Im Minutentakt kommen Glückwunsch-SMS - von der CDU, von den Grünen und aus der eigenen Partei. Parteichef Philipp Rösler ruft an. Am Tresen spricht Kubicki davon, wie er die FDP wieder glaubwürdig machen wird. Mit der Methode Kubicki. Die Menschen spüren ja, dass Politiker nicht sagen, was sie denken. Kubicki lebt von diesem Gespür. Er setzt sich über die Regeln des politischen Betriebs hinweg. Er hält sich nicht an den parteiinternen Sprachgebrauch. Er spricht aus, was viele denken, dass die FDP „als Marke verschissen hat“, dass man nicht wisse, wofür Rösler stehe. Kubicki will das System Kubicki nach Berlin bringen. Dann werde Schluss sein mit der Besserwisserei und der Bevormundung durch Politiker, die glaubten, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. Dann werde die FDP wieder glaubwürdig.

          „Wählen Sie doch, was Sie wollen“: Kubicki macht aus der verzweifelten Lage der Partei sogar noch ein Marketing-Ereignis

          Eigentlich muss er dringend nach Hause. Am Morgen hat seine Frau wegen der Bronchitis den Arzt gerufen. Jetzt schluckt er Hammermedikamente, und wenn es bis Dienstag nicht besser wird, hat der Arzt gesagt, dann hat Kubicki wirklich ein Problem. Vor allem muss er nach Hause, weil seine Frau wartet. Sie hat in diesen Tagen ihre Mutter in einem Pflegeheim untergebracht. Er müsste da sein und mit ihr reden, sagt er und schaut zerknirscht. Sie ist sauer, und sie ist im Recht. Mit einem Strauß Blumen ist es diesmal nicht getan. Er müsste ihr beistehen. Es ist jetzt elf Uhr abends, eigentlich gibt es hier für ihn nichts mehr zu tun. Er lässt sich noch ein Glas Wein bringen.

          Das Vorzimmer zu Kubickis Landtagsbüro ist mit gut zwölf Quadratmetern Kubicki gepflastert. Eine riesige Pinnwand, übersät mit Fotos: Kubicki mit Möllemann, mit Genscher, an Bord seiner Motoryacht, Kubicki retuschiert wie Sean Connery. „Ich war immer der Jüngste und Kleinste“, erzählt er. In der Familie, in der Schule. Einer, der immer kämpfen und sich ständig beweisen musste. Der es nicht ertragen kann, wenn ein anderer daherkommt „mit diesem natürlichen Anspruch, beachtet und gewürdigt zu werden“. Nur weil er größer ist oder irgendeine Position hat. Dagegen muss er antreten, anfrotzeln, anrennen. Und hinterher damit prahlen: Wie er sich in der Schule den Allergrößten zum Feind suchte. Wie David, nur ohne Schleuder. Er rammte Goliath den Kopf in den Bauch, dass der umfiel. „Und wenn der andere erst mal liegt, ist es egal, wie groß er ist“, sagt Kubicki, „ich habe den vermöbelt.“

          Am Morgen hat Ministerpräsident Peter Harry Carstensen im Landtag unter Tränen seine Abschiedsrede gehalten. Als die SPD dem scheidenden Ministerpräsidenten den Applaus versagte, geißelte Kubicki sie als respekt- und würdelos. Er selbst bedachte Carstensen mit gönnerhaftem Lob: „Das hast du gut gemacht.“ In Kiel sagen sie, Kubicki sei der heimliche Ministerpräsident gewesen, Kubicki sei die FDP und der intelligenteste Kopf im Landtag. Er ist mit Abstand der bekannteste unter den Spitzenkandidaten für die Landtagswahl. Sein Bekanntheitsgrad in Schleswig-Holstein, erzählt er stolz, liege bei 93 Prozent.

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