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SPD in Schleswig-Holstein : Der Konfliktvermeider

Wahlkampf im Lieblingsland: Torsten Albig in Mölln Bild: Pilar, Daniel

Torsten Albigs Wahlkampf in Schleswig-Holstein ist darauf ausgelegt, Ruhe zu bewahren - vor allem in der eigenen Partei. Denn in dieser lauert sein vielleicht größter Herausforderer: Ralf Stegner.

          Auch Wahlkämpfe sind Moden unterworfen. Vor drei Jahren rollte der SPD-Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein mit einem großen Bus auf den Bauhof, einen zentralen Platz in Mölln, der Stadt des Till Eulenspiegel. In dem Bus, der kaum auf den Platz passte, saßen zwar nur wenige Leute, und der Spitzenkandidat selbst hatte noch sein eigenes Auto dabei. Aber das alles machte nichts. Die Zeiten waren so, auch wenn ein solcher großer Auftritt schon damals leicht antiquiert wirkte. Drei Jahre später kommt der SPD-Spitzenkandidat deutlich bescheidener auf den Platz, selbst von einigen seiner Genossen unter seinem großen schwarzen Hut auf der Glatze erst bemerkt, als er schon unter ihnen steht. Vor drei Jahren hieß der Spitzenkandidat Ralf Stegner, nun heißt er Torsten Albig.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Möllner Personal am SPD-Stand freilich ist immer noch fast dasselbe. Gut, der sozialdemokratische Bürgermeister hat inzwischen gewechselt, der Schüler von damals ist inzwischen Student, und Niels-Christian Weis, Ratsherr in Mölln, hat sich diesmal entschlossen, für den Landtag von Schleswig-Holstein zu kandidieren - auf Platz 58, einer muss schließlich der Letzte sein. Neu ist der Möllner Vorsitzende des Tierschutzbundes, der dem Spitzenkandidaten die Katzenkastration nahebringt. Aber sonst ist alles wie 2009, auch das Möllner Reiseprogramm für den Kandidaten. Extra für ihn wird für eine halbe Stunde ein Wahlkampfstand aufgebaut. Nach seinem Abschied sind die roten Sonnenschirme wieder rasch verschwunden.

          Die Möllner Erinnerungskultur

          Zweite Möllner Station ist wieder die „Internationale Begegnungsstätte Lohgerberei“. Sie entstand im Hinterteil jenes Hauses, das im November 1992 von Jugendlichen in Brand gesetzt wurde und in dem drei türkische Bewohner starben. Bürgermeister Jan Wiegels klagt über „eine schreckliche Last“, welche die Stadt trage. Mark Sauer hingegen, der Vorsitzende des Vereins „Miteinander Leben“, der die Begegnungsstätte betreibt, äußert, dass „das Thema in den nachwachsenden Generationen verlorenzugehen droht“. Aber sein Verein werde, so erzählt er Albig in großer Ausführlichkeit bei Kaffee und Kuchen, die Erinnerung hochhalten und das deutsch-türkische Miteinander pflegen.

          In diesem Jahr mit einem bunten Programm „Der Till heckt mit dem Nasreddin“. Bürgermeister Wiegels ist schon froh, wenn die Leute beim Stichwort Mölln erst einmal an Eulenspiegel denken und an die hübsche Plastik in der Stadt, nicht an die Brandanschläge. 2009 wie 2012 ist der SPD-Spitzenkandidat gerührt von der Möllner Erinnerungskultur. Und damals wie heute fordert „Miteinander Leben“ vom künftigen Ministerpräsidenten schließlich staatliche Förderung durch eine hauptamtliche Stelle.

          Zwei überraschende Wahlsiege

          Stegner als Spitzenkandidat vor drei Jahren - auch da war es eine vorgezogene Wahl - mit der Attitüde des Parteivorsitzenden, der nun auch Ministerpräsident werden wollte und den auf seinem Weg niemand aufhält. Albig ist der Oberbürgermeister von Kiel, und seinen Landtagswahlkampf nennt er einen „Bürgermeisterwahlkampf“. Stegner kam von oben, aus der Landespolitik. Albig kommt von unten, aus der Kommunalpolitik. Freilich sind seine bundespolitischen Erfahrungen nicht zu unterschätzen. Er war Sprecher bei den SPD-Finanzministern Hans Eichel und Peer Steinbrück. Vor allem zu Steinbrück entstand eine Art symbiotische Beziehung, sehr witzig, manchmal zynisch. Steinbrück ist Albig derzeit ein wichtiger Wahlhelfer. Dass die Sozialdemokraten im Norden nicht mehr mit Stegner als Spitzenkandidat antreten, hat mit zwei erstaunlichen Wahlsiegen Albigs zu tun.

          2009 gewann er überraschend die Kieler Rathauswahl gegen die CDU-Amtsinhaberin Angelika Volquartz - und bekam so das Amt, von dem er zuvor gesagt hatte, es sei das Einzige, was ihn aus Berlin wieder nach Kiel zöge. Als kurze Zeit darauf das Schleswiger Verfassungsgericht vorgezogene Landtagswahlen anordnete, gewann Albig die parteiinterne Kür des Spitzenkandidaten. Das Ergebnis für den 48 Jahre alten Albig war so deutlich, dass die politische Karriere des Parteivorsitzenden Stegner beendet schien - nachdem er 2009 auch schon die Landtagswahl deutlich verloren hatte. Das politische Schleswig-Holstein hielt den Atem an vor dem, was nun kommen sollte. Es passierte aber etwas Banales: Albig bot nur Stunden nach dem Parteientscheid Stegner ein Bündnis an. Stegner blieb Parteivorsitzender mit der Auflage, Albig im Wahlkampf zu unterstützen.

          Albigs Überlegung dabei war schlicht: Stegner hatte den Parteiapparat hinter sich, ohne den keine Wahl zu gewinnen ist. Das Misstrauen zwischen den beiden Genossen aber blieb. Wie anders auch, Albig hatte schließlich, von einflussreichen Genossen dazu ermuntert, kandidiert, um Stegner zu verhindern. Der so intelligente wie ruppige Stegner, der „rote Rambo“, spaltet die Partei. Stegner steht links, er hat das, was man ein klares Profil nennt. Man mag das oder mag es nicht. Albig zweifelte zunächst, ob er gegen Stegner kandidieren sollte, war er doch eben erst Oberbürgermeister geworden. Er sagte dann aber doch zu.

          Heute beklagt er, dass mancher, der ihm zur Kandidatur geraten hatte, nicht mehr viel von sich hören lasse. Albigs Misstrauen war so groß, dass er sich einen eigenen Wahlkampfleiter bestellte - Thiemo Lüeße, mit dem er schon den Kieler Rathauswahlkampf gewonnen hatte. Inzwischen haben die beiden festgestellt, dass auch der Parteiapparat aus Stegner-Fans wie Stegner-Zweiflern besteht, in jedem Fall aber im Wahlkampf mitzieht. Das Erstaunlichste an Albigs Wahlkampf ist denn auch, dass Stegner die große Bühne bleibt, während der Kandidat durch das Land reist, um sich bekannt zu machen.

          Jahresurlaub für die heiße Wahlkampfphase

          In dieser ungewöhnlichen Arbeitsteilung ist es, jedenfalls öffentlich, noch zu keinem Konflikt gekommen. „Das ist Albigs Meisterstück“, sagt Lüeße. Albig meidet den Konflikt beinahe um jeden Preis. Er weiß, er kann nur gewinnen, wenn die Partei ruhig bleibt. Ruhe bewahren - darauf ist sein ganzer Wahlkampf angelegt. Dabei hat er gleich mehrere Erfahrungen aus seinem Oberbürgermeister-Wahlkampf für den Landtagswahlkampf berücksichtigt. Sein Ziel ist ein rot-grünes Bündnis, zu dem auch der Südschleswigsche Wählerverband stößt, denn Rot-Grün allein wird wohl keine Mehrheit erlangen. Genau wie im Kieler Rathaus.

          Albig hat für die heiße Wahlkampfphase seinen Jahresurlaub genommen, genau wie damals, als Frau Volquartz weiter ihren Amtsgeschäften nachging und am Ende verlor. Auch der aktuelle CDU-Spitzenkandidat Jost de Jager muss sich weiter um sein Amt als Wirtschafts- und Wissenschaftsminister in der schwarz-gelben Landesregierung kümmern, während Albig durch das Land reist. Und Albig hat in gewisser Weise die Wahlkampfidee von damals übernommen. „Mein Lieblingsland“ heißt der SPD-Slogan, präsentiert in Herzform und natürlich in den Landesfarben. Albigs süßestes Wahlkampfmittel: Schokoladen-Lieblingsland-Herzen. Eine Tonne wurde geordert.

          „Piratenrestrisiko“

          Er werde ein „extrem sparsamer Ministerpräsident“ sein, sagt Albig in der alten Lohgerberei von Mölln. Aber er kenne auch den Unterschied zwischen Sparsamkeit und Dummheit - „im Gegensatz zu den anderen“. Gerade bei solchem ehrenamtlichen Engagement wie in Mölln könne finanzielle Hilfe preiswerter sein als später die Kosten des gesellschaftlichen Reparaturbetriebs. Am Abend desselben Tages in Ratzeburg, wo ein voller Saal auf „den künftigen Ministerpräsidenten“ wartet, erzählt er von zehn alleinerziehenden Müttern aus Kiel, denen er mit Sonderförderung zum Hauptschulabschluss verholfen habe. „Wie stolz das die Frauen gemacht hat. Die können jetzt auch ihren Kindern sagen, wie wichtig Bildung ist.“ Die Zuhörer sind ergriffen von der Kieler Geschichte.

          CDU und FDP, seit 2009 in der Kieler Regierung, haben ausgerechnet, dass Albigs sozial- und bildungspolitischen Wahlgeschenke mehrere hundert Millionen Euro betrügen. Die Grünen, der gewünschte Koalitionspartner, erklärten bereits, in Verhandlungen auf Haushaltsdisziplin zu pochen. Albigs Wahlkampf der ruhigen Hand bringt der SPD in den Umfragen 30 Prozent ein. Sie steht gleichauf mit der CDU. Wochenlang sah es so aus, als habe sich Schleswig-Holstein auf Rot-Grün einzustellen.

          Seit der Wahl im Saarland hat es aber die Piratenpartei in den Umfragen auf zweistellige Werte gebracht. Kommt es tatsächlich so, wären SPD und CDU in Kiel zur großen Koalition gezwungen. „Piratenrestrisiko“ nennt Albig das. 2009 war der erste Versuch einer großen Koalition gescheitert, vor allem an der Unverträglichkeit des Spitzenpersonals. Die beiden Kandidaten diesmal, ähnlich vom Alter, vom Naturell, der Herkunft und dem Bekanntheitsgrad im Land, dürften keine großen Probleme miteinander haben. Eher müsste man dann schon fragen: Was wird eigentlich aus Ralf Stegner?

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