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SPD in Schleswig-Holstein : Der Konfliktvermeider

Albigs Überlegung dabei war schlicht: Stegner hatte den Parteiapparat hinter sich, ohne den keine Wahl zu gewinnen ist. Das Misstrauen zwischen den beiden Genossen aber blieb. Wie anders auch, Albig hatte schließlich, von einflussreichen Genossen dazu ermuntert, kandidiert, um Stegner zu verhindern. Der so intelligente wie ruppige Stegner, der „rote Rambo“, spaltet die Partei. Stegner steht links, er hat das, was man ein klares Profil nennt. Man mag das oder mag es nicht. Albig zweifelte zunächst, ob er gegen Stegner kandidieren sollte, war er doch eben erst Oberbürgermeister geworden. Er sagte dann aber doch zu.

Heute beklagt er, dass mancher, der ihm zur Kandidatur geraten hatte, nicht mehr viel von sich hören lasse. Albigs Misstrauen war so groß, dass er sich einen eigenen Wahlkampfleiter bestellte - Thiemo Lüeße, mit dem er schon den Kieler Rathauswahlkampf gewonnen hatte. Inzwischen haben die beiden festgestellt, dass auch der Parteiapparat aus Stegner-Fans wie Stegner-Zweiflern besteht, in jedem Fall aber im Wahlkampf mitzieht. Das Erstaunlichste an Albigs Wahlkampf ist denn auch, dass Stegner die große Bühne bleibt, während der Kandidat durch das Land reist, um sich bekannt zu machen.

Jahresurlaub für die heiße Wahlkampfphase

In dieser ungewöhnlichen Arbeitsteilung ist es, jedenfalls öffentlich, noch zu keinem Konflikt gekommen. „Das ist Albigs Meisterstück“, sagt Lüeße. Albig meidet den Konflikt beinahe um jeden Preis. Er weiß, er kann nur gewinnen, wenn die Partei ruhig bleibt. Ruhe bewahren - darauf ist sein ganzer Wahlkampf angelegt. Dabei hat er gleich mehrere Erfahrungen aus seinem Oberbürgermeister-Wahlkampf für den Landtagswahlkampf berücksichtigt. Sein Ziel ist ein rot-grünes Bündnis, zu dem auch der Südschleswigsche Wählerverband stößt, denn Rot-Grün allein wird wohl keine Mehrheit erlangen. Genau wie im Kieler Rathaus.

Albig hat für die heiße Wahlkampfphase seinen Jahresurlaub genommen, genau wie damals, als Frau Volquartz weiter ihren Amtsgeschäften nachging und am Ende verlor. Auch der aktuelle CDU-Spitzenkandidat Jost de Jager muss sich weiter um sein Amt als Wirtschafts- und Wissenschaftsminister in der schwarz-gelben Landesregierung kümmern, während Albig durch das Land reist. Und Albig hat in gewisser Weise die Wahlkampfidee von damals übernommen. „Mein Lieblingsland“ heißt der SPD-Slogan, präsentiert in Herzform und natürlich in den Landesfarben. Albigs süßestes Wahlkampfmittel: Schokoladen-Lieblingsland-Herzen. Eine Tonne wurde geordert.

„Piratenrestrisiko“

Er werde ein „extrem sparsamer Ministerpräsident“ sein, sagt Albig in der alten Lohgerberei von Mölln. Aber er kenne auch den Unterschied zwischen Sparsamkeit und Dummheit - „im Gegensatz zu den anderen“. Gerade bei solchem ehrenamtlichen Engagement wie in Mölln könne finanzielle Hilfe preiswerter sein als später die Kosten des gesellschaftlichen Reparaturbetriebs. Am Abend desselben Tages in Ratzeburg, wo ein voller Saal auf „den künftigen Ministerpräsidenten“ wartet, erzählt er von zehn alleinerziehenden Müttern aus Kiel, denen er mit Sonderförderung zum Hauptschulabschluss verholfen habe. „Wie stolz das die Frauen gemacht hat. Die können jetzt auch ihren Kindern sagen, wie wichtig Bildung ist.“ Die Zuhörer sind ergriffen von der Kieler Geschichte.

CDU und FDP, seit 2009 in der Kieler Regierung, haben ausgerechnet, dass Albigs sozial- und bildungspolitischen Wahlgeschenke mehrere hundert Millionen Euro betrügen. Die Grünen, der gewünschte Koalitionspartner, erklärten bereits, in Verhandlungen auf Haushaltsdisziplin zu pochen. Albigs Wahlkampf der ruhigen Hand bringt der SPD in den Umfragen 30 Prozent ein. Sie steht gleichauf mit der CDU. Wochenlang sah es so aus, als habe sich Schleswig-Holstein auf Rot-Grün einzustellen.

Seit der Wahl im Saarland hat es aber die Piratenpartei in den Umfragen auf zweistellige Werte gebracht. Kommt es tatsächlich so, wären SPD und CDU in Kiel zur großen Koalition gezwungen. „Piratenrestrisiko“ nennt Albig das. 2009 war der erste Versuch einer großen Koalition gescheitert, vor allem an der Unverträglichkeit des Spitzenpersonals. Die beiden Kandidaten diesmal, ähnlich vom Alter, vom Naturell, der Herkunft und dem Bekanntheitsgrad im Land, dürften keine großen Probleme miteinander haben. Eher müsste man dann schon fragen: Was wird eigentlich aus Ralf Stegner?

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