https://www.faz.net/-gpf-8x59o

Landtagswahl : Das Schneewittchen Albig

Torsten Albig ,Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, mit der Tasse, die er in seinem Büro hat. Bild: dpa

Martin Schulz will Gerechtigkeit für die „hart Arbeitenden“ – der wahlkämpfende Ministerpräsident Torsten Albig fordert gleich: „Mehr Gerechtigkeit für alle“. Geht das überhaupt?

          2 Min.

          In Wahlkämpfen fehlt er nie, der Luftballon Gerechtigkeit. Gern wird er noch versehen mit der Aufschrift: „soziale Gerechtigkeit“. Parteien geraten in hitzigen Wettstreit, wer den schönsten Ballon aufzupusten versteht. Rot sind die Ballons in jedem Fall, klar. Und man muss sagen, besonders der neue SPD-Spitzenmann Martin Schulz zeigt beim Pusten eine kraftvolle Lunge. Vielleicht, weil er noch so unverbraucht ist. Schulz hat mit seinem schönen Ballon sogar schon märchenhafte Züge angenommen.

          Aber wie das so ist im Märchen: Würde er sich zur eigenen Bewunderung vor einen wahrheitsliebenden Spiegel stellen, würde der ihm sagen, dass hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen ein Ballon schwebt, der noch tausendmal schöner ist. Na ja, Zwerge, Berge. Eher Meere, Leere. Aber egal. Schleswig-Holstein ist gemeint, wo am 7. Mai der neue Landtag gewählt wird. Dort verkündet SPD-Ministerpräsident Torsten Albig auf den Wahlplakaten überall im Land: „Mehr Gerechtigkeit für alle.“ Dagegen sieht Schulz alt aus, genau wie die böse Stiefmutter im Märchen.

          Denn Schulz will keineswegs Gerechtigkeit für alle. Er meint Gerechtigkeit für bestimmte Gruppen, die er nicht gerecht behandelt sieht. Sein Ballon steht für die „hart Arbeitenden“ am Wahlkampfhimmel. Aber Gerechtigkeit für alle, wie Ballonverkäufer Albig auf seinem nördlichen Wahlkampfjahrmarkt anpreist? Und dann auch noch mehr davon? Wie soll das möglich sein? Wie sollen er und die Sozialdemokraten das schaffen, da doch das Leben lehrt, dass Gerechtigkeit gegen den einen durchzusetzen zumeist Ungerechtigkeit gegen den anderen schafft und so zu einer neuen Ungerechtigkeit wird? Schulz weiß das, er spricht von einer „Unwucht“ bei der Gerechtigkeit.

          Er will geben, indem er nimmt, bei den Reichen zum Beispiel. Aber solcher Ballast ist für Albigs Ballon schon zu schwer. Albig meint sogar „Mehr Gerechtigkeit für alle“ nicht als Wunsch, Vision oder Forderung. Er meint es als Versprechen, denn er fügt hinzu: „Wir machen das.“

          Platon sah Gerechtigkeit nicht als luftiges Angebot, sondern als Tugend

          Nun ist es die natürliche Eigenschaft eines Luftballons, ein Luftikus zu sein. Er ist ein Spielzeug der Lebensfreude, etwas für Kinder. Niemand braucht ihn wirklich, und der erstbeste harte Fakt kann ihn zum Platzen bringen. Und wer gar die Werbung auf Luftballons aufmerksam liest, gerät in den Verdacht, Spaßbremse zu sein. Dennoch lohnt beim Anblick der roten Ballons im blauen Frühlingshimmel die Frage, ob es Gerechtigkeit für alle tatsächlich geben kann. Und siehe da: Es kann sie geben. Schon die ganz Alten hatten da eine Idee.

          Platon etwa, den zu lesen sich immer lohnt, weil er Dinge des Staatswesens verhandelt, die zu seiner Zeit sich nicht anders verhielten als heute. In Platons Verständnis ist Gerechtigkeit nicht das luftige Angebot des Staates oder der SPD, sondern eine Tugend, die der Mensch hat oder nicht hat. Platon sagt, dass „jeder Einzelne nur einen öffentlichen Beruf in der Stadt ausüben soll, nämlich den, zu welchem seine Natur am besten geeignet ist“. Denn Gerechtigkeit sei, „dass jeder das Eigene und Seinige hat und tut“. Gerechtigkeit ist bei ihm also zuerst einmal eine Frage der persönlichen Haltung. Meint das Albig mit seiner „Gerechtigkeit für alle“? Das allerdings ist nur schwer vorstellbar. Denn man kann es drehen und wenden, wie man will, Gerechtigkeit als Tugend ist zwar gerecht gegenüber allen, aber leider kein sozialdemokratischer Ansatz.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Hauptangeklagte Stephan E. mit seinem Verteidiger.

          Geständnis von Stephan E. : „Es war falsch, feige und grausam“

          Eine schwere Kindheit, Jähzorn und Ausländerhass, der vom Vater übernommen sein soll. Nach dem Geständnis von Stephan E., Walter Lübcke erschossen zu haben, ist dessen Familie empört.

          Tragödie in Beirut : Das Ende des alten Libanon

          Für die Bewohner und ihre Stadt ist die Explosion im Hafen von Beirut eine Katastrophe. Für den Libanon bedeutet sie einen Neuanfang – hoffentlich.

          Younes Zarou : Das ist Deutschlands neuer Tiktok-König

          Deutschlands Tiktoker mit den meisten Followern ist 22 Jahre alt und studiert Wirtschaftsinformatik. Als Junge wollte er Fußballprofi werden. Heute ist er Social-Media-Star und weiß ein Millionenpublikum hinter sich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.