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Wahl-Kommentar : Albigs Fall

Da war er geschlagen: Torsten Albig im Fernsehstudio am Abend der Schleswig-Holstein-Wahl. Bild: dpa

Torsten Albig muss jetzt als Sündenbock der SPD herhalten. Damit macht sich die Partei etwas vor. Die Nord-SPD setzte auf das Leitmotiv des Schulz-Hypes – und ist damit gescheitert.

          Die SPD hat sich sehr schnell auf Torsten Albig eingeschossen, um ihre bittere Niederlage in Schleswig-Holstein zu erklären. Weder an der Bundespartei noch an den Themen liege es, dass die SPD so schwach abgeschnitten habe, stellte der SPD-Landesvorsitzende Ralf Stegner sogleich fest und nahm damit die Analyse vorweg, die eigentlich erst noch kommen soll. Bleibt also nur: Albig, der „Hornochse“, wie im Willy-Brandt-Haus am Wahlabend vernommen wurde. Ein Ministerpräsident, der seinen Amtsbonus binnen weniger Wochen in einen Amtsmalus verwandelt, bietet sich als Sündenbock natürlich auch an. Aber ist er, wie jeder Sündenbock, nicht das Opfer eines Ablenkungsmanövers? Die Parteiführung möchte damit zwei Heiligtümer schützen, die eine Woche vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen nicht angetastet werden dürfen: Martin Schulz und die „soziale Gerechtigkeit“.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Der SPD-Kanzlerkandidat droht so schnell demontiert zu werden, wie er zu Beginn des Jahres aufs Podest gehoben wurde. Denn eine Öffentlichkeit, die sich an einem „frischen Gesicht“ berauscht und nicht weiß, warum eigentlich, wechselt von „Hosianna“ sehr schnell zu „Kreuzige Ihn“. Schulz davor zu bewahren wird wohl die größte Herausforderung für die Wahlkampfführung der SPD sein. So wenig sie auf den „Schulz-Hype“ vorbereitet war, so wenig wird sie aber damit gerechnet haben, dass die Rückschläge schon so früh kommen.

          SPD hat CDU-Mann Günther unterschätzt

          In der CDU-Führung werden sich dagegen diejenigen bestätigt fühlen, die sich angesichts der Achterbahnfahrt der öffentlichen Meinung nicht aus der Ruhe bringen lassen wollten, Angela Merkel allen voran. Das verdeckt allerdings die Tatsache, dass durch die Wahlkämpfe der CDU ein Ruck gegangen ist. Als Schulz den plötzlichen Auftrieb der SPD-Umfragewerte hervorrief, schlugen CDU-Politiker Alarm, die befürchten mussten, dass ihre Wahlkämpfer im Regen stehen gelassen werden. Der Erfolg Daniel Günthers hat außerdem damit zu tun, dass die SPD nicht die Zeit hatte, sich auf ihn einzustellen, und ihn unterschätzte.

          Sie setzte überdies auf das Leitmotiv des Schulz-Hypes, das zwar die Stärke der SPD ist, über deren Kernklientel hinaus aber nicht allzu vielen Leuten auf den Nägeln brennt: die soziale Gerechtigkeit. So ließ sich die SPD-Linke zwar mobilisieren; was zur Geschlossenheit der Partei beiträgt. Aber es ist zu wenig, um Wahlen zu gewinnen. Die Gewinnerthemen setzte Günther: Bildung, innere Sicherheit, Infrastruktur, Wachstum. Albigs Wahlkampf wurde stattdessen auf „Gerechtigkeit für alle“ getrimmt; das hat mit Stegner als dem Sprachrohr der SPD-Linken ebenso viel zu tun wie mit Schulz, der deren Nähe suchte und jetzt so schnell nicht wieder los wird.

          Die SPD macht sich also etwas vor, wenn sie nur auf ihre zwei Heiligtümer setzt. Es muss mehr kommen. Ein Versuch in diese Richtung machte sie gleich am Montag. Schulz hielt eine „wegweisende“ Rede zur Wirtschaftspolitik und wagte sich auf ein Terrain vor, auf dem nicht mehr nur Herz, sondern auch Verstand gefordert ist. Da konkurriert er allerdings mit einer Kanzlerin, die sich auf deutschem und internationalem Parkett nicht so anstellen wird, wie es die SPD ihrem Sündenbock in Schleswig-Holstein vorwirft. Der Umgang der SPD mit ihrer Niederlage in Kiel ist für Schulz ein Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn sie in der „kleinen Bundestagswahl“ in Nordrhein-Westfalen ähnlich scheitern sollte. Denn mit Hannelore Kraft kann die SPD nicht so umspringen wie mit Torsten Albig.

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