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CDU in Schleswig-Holstein : Wohltemperiert ist nicht lauwarm

Wer auf diesem Bild ist Jost de Jager? Auch auf dem Wochenmarkt in Bad Segeberg muss sich der CDU-Spitzenkandidat noch bekannt machen. Bild: Pilar, Daniel

Jost de Jager hätte sich klaglos dafür eingesetzt, Christian von Boetticher zum Amt des Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein zu verhelfen. Nun ist er als dessen Nachfolger selbst in die Kandidatenrolle geraten. Seine Partei, die CDU, steht hinter ihm.

          Der Wahlkreis Segeberg-Ost, ländlicher Raum, ist seit langer Zeit fest in CDU-Hand. Axel Bernstein hat das Direktmandat hier erstmals 2005 und nochmals 2009 gewonnen. Er ist inzwischen Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Kieler Landtag und kandidiert wieder für die Wahl am 6. Mai. Der Besuch des Spitzenkandidaten an seinem Wahlstand ist also eine Art Heimspiel. Jost de Jager kommt zum „Canvassing“ für eine gute Stunde nach Segeberg. Den Begriff verwendet die Kieler CDU-Zentrale intern. Gemeint ist damit der direkte Kontakt mit möglichen Wählern, das kurze Gespräch, das Händeschütteln. Den Begriff soll es schon im 16. Jahrhundert gegeben haben.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ob Canvassing wirklich etwas nützt, weiß wohl niemand so genau. Aber Stimmungen lassen sich so erkunden, auch am CDU-Stand in Segeberg. Es ist Wochenmarkt, und drum herum lässt sich eine Art Topographie der Wahlkampflandschaft im Norden ablesen. Der CDU-Stand ist der erste an diesem verregneten Morgen. Aber auch die Linkspartei steht mit einem großen Fahrzeug da, Berliner Kennzeichen, in ein paar hundert Metern Entfernung. Die Piratenpartei, der merkwürdige Neuling in diesem Wahlkampf, baut ihr Zelt mitten auf dem Markt zwischen den Ständen mit Backwaren, Obst und Gemüse auf. Alle anderen Parteien stehen ein paar Meter zur Seite. Am Ende sind CDU und Grüne direkte Nachbarn, die SPD steht beiden genau gegenüber, und die FDP liegt abgeschlagen, als wolle sie mit den anderen Parteien nichts zu tun haben. Jost de Jager hat keine Mühe, sich in die Verhältnisse zu finden. Er geht auf die Menschen zu.

          Jene, die sich sogleich in ein Gespräch verwickeln lassen, sind sowieso CDU-Wähler. Der Spitzenkandidat muss sogar Autogramme geben, „das kommt erstaunlich oft vor“. Freilich muss er auch erleben, dass Leute an den CDU-Stand treten, um Bernstein und sein halbes Dutzend Helfer zu fragen, wann denn der angekündigte Spitzenkandidat komme. Dabei steht er praktisch neben ihnen. Das ist das Problem der CDU: Ihr Ministerpräsidentenkandidat ist zu wenig bekannt und hätte im Vergleich zum SPD-Spitzenkandidaten, dem Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig, das Nachsehen, würde der Ministerpräsident direkt gewählt. Er wirke blass, so ist fast in allen Porträts über de Jager zu lesen. Die randlose Brille, sein ruhiges Naturell, sein leiser Auftritt mögen dabei eine Rolle spielen.

          Auch an diesem Samstag verbreitet er eigentlich dramatische Botschaften in aller Seelenruhe: CDU und SPD lägen in den Umfragen dicht beieinander. In der letzten Woche vor der Wahl käme es darauf an, die eigenen Leute zu mobilisieren. Vierzig Prozent der Wähler seien noch unentschlossen. Viele Parteifreunde würden mobilisiert, weil auf einmal so viel über ein mögliches rot-grünes Bündnis unter Einbeziehung des Südschleswigschen Wählerverbandes (SSW), der Partei der dänischen Minderheit, gesprochen werde. „Wir müssen klarmachen, dass da ein Linksbündnis angekündigt ist“, sagt de Jager und gerät in Schwung, denn die Leidenschaftslosigkeit seines Auftretens sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er Politik mit Leidenschaft betreibt. Bei der Gemeindefinanzierung, in der Haushalts- und in der Schulpolitik - überall sei das Linksbündnis erkennbar. SPD, Grünen und SSW gehe es um Großgemeinden, um eine Aufweichung der Sparbeschlüsse und letztlich eben doch um die Abschaffung der Gymnasien zugunsten der Gemeinschaftsschule.

          Freilich sind solche Forderungen den Wahlprogrammen der drei Parteien bestenfalls indirekt zu entnehmen. Außerdem machen derartige Angriffe den CDU-Wahlkampf nicht attraktiver. Gibt es überhaupt einen Wahlkampf der CDU? „Ihre Zukunft. Meine Verantwortung. Unser Land.“, „Klare Kante Zukunft.“, „Mensch. Macher. Ministerpräsident.“, „Das Land. Die Kraft. Die Zukunft.“ So langweilig klingt es bei der CDU. „Stabile Regierung statt Dänen-Ampel“ ist da schon fast gewagt. Das galt auch für de Jagers grünen Schal auf den ersten Plakaten, der eigentlich grau war und erst am Computer eingefärbt wurde. Allerdings kann die CDU ihre größte Leistung in der Regierung gemeinsam mit der FDP auch nicht allzu sehr hervorheben: in der Haushaltspolitik umgesteuert und die Schuldenbremse in der Landesverfassung verankert zu haben - mit allen Konsequenzen. Welchen Wähler zieht das schon an?

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