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Landtagswahlen : Der West-Komplex

Impressionen aus Elsterwerda in Brandenburg. Bild: Lucas Bäuml

Ein blinder Fleck in der Berichterstattung: Der Westen schaut ständig nach Osten, und Ostdeutsche werden zu Experten in eigener Sache. Warum kehrt man nicht einmal die Blickrichtung um?

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          Das Allensbach-Institut fand kürzlich heraus, dass sich 71 Prozent der Westdeutschen in erster Linie als „Deutsche“ empfinden und nicht als Westdeutsche, Ostdeutsche sich dagegen zu 47 Prozent vor allem als „Ostdeutsche“ sehen und nur zu 44 Prozent als Deutsche. Die gängige Interpretation eines solchen Meinungsbilds läuft auf die Behauptung eines Defizits, eines Integrationsversagens des Ostens hinaus, der in der deutschen Einheit immer noch nicht so ganz angekommen sei.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Doch erst einmal ist der Befund bloß eine tautologische Spiegelung des Umstands, dass der gesamtdeutsche Blick auf Ostdeutsche in Wirklichkeit ein westdeutscher ist. In der Titelgeschichte „Der Ost-Komplex“ im „Spiegel“ der vergangenen Woche hieß es ganz unumwunden: „Dieser Text versucht, aus dem Osten heraus, den Menschen, vor allem im Westen, ihre Landsleute zu erklären“. Der arglosen Formulierung des doch eigentlich für ganz Deutschland zuständigen Magazins merkt man an, wie selbstverständlich dem Westen diese Identifizierung des Ganzen mit sich selbst erscheint.

          Merkwürdige Spiegelungen

          Es mag daran liegen, dass alle überregionalen Medien – auch diese Zeitung – ihren Sitz oder ihren Eigentümer im Westen haben, und dass die meisten leitenden Redakteure mit einem westlichen Blick sozialisiert sind. Der von einem ostdeutschen Redakteur geschriebene „Spiegel“-Artikel mit der Zentralthese: „Ostdeutsche fühlen sich offensichtlich häufig zurückgesetzt“ war dann ziemlich emphatisch, abwägend und genau. Doch er unterließ es, den Anteil, den der Blickwinkel des Mediums an dieser Diagnose hat, zum Thema zu machen.

          Es hat eben nicht nur materielle und politische Gründe, dass sich viele Ostdeutsche „zweitklassig“ fühlen, wie die immer wiederkehrende Formel lautet; es hängt nicht nur mit der Abwicklung der DDR-Wirtschaft und mit dem „Beitritt“ ohne neue, gemeinsam erarbeitete Verfassung zusammen: Es hat auch mit dem Kommunikationsgefälle zwischen West und Ost zu tun, infolgedessen es als ganz fraglos erscheint, dass der eine Teil des Landes sich im Namen des Ganzen mit dem anderen beschäftigt, umgekehrt aber nicht.

          Es ist bekannt, mit welchen demagogischen und manipulatorischen Tricks die westdeutschen Chefs der AfD in Ostdeutschland („Holen wir uns unser Land zurück“) diese Konstellation für sich ausnutzen. Wenn sich also an Tagen wie diesen, wenn in Sachsen und Brandenburg gewählt wird, die Öffentlichkeit fürsorglich oder entrüstet über die „ostdeutsche Seele“ beugt, kann die dieser Geste innewohnende westdeutsche Seele sicher sein, ganz unbeachtet zu bleiben.

          Auf in das Herz des Westens

          Das sollte kein Dauerzustand sein. Es reicht nicht, dass Ostdeutsche als Spezialisten ihrer eigenen Spezies in Erscheinung treten. Wenn es mit der Einheit etwas werden soll, müssen sie sich auch in das Herz des Westens aufmachen, um dort knallhart und einfühlsam zugleich zu recherchieren, was da eigentlich los ist. Wie ticken die Menschen dort, welche langfristigen Prägungen hat die Bonner Republik in ihren Bewohnern hinterlassen? Was haben sie erreicht, wo hakt es noch?

          In der Literatur gibt es schon Beispiele dafür, wie fruchtbar eine solche Umkehrung der gewohnten Blickrichtung sein kann. Zuletzt hat Ingo Schulze in seinem Roman „Peter Holtz“ die bundesrepublikanischen Selbstverständlichkeiten aus der Perspektive eines ostdeutschen Simplicissimus beschrieben, der alles, was die Leute von sich sagen, beim Wort nimmt und dadurch auf eine aberwitzig ironische Weise aufhebt.

          Michael Kretschmer

          Nun käme es darauf an, auch in journalistischen Genres wie Reportagen, Analysen und kulturkritischen Essays einem solchen fremden Blick eine institutionelle Verankerung in der Öffentlichkeit zu sichern. Wenn es dann den Westdeutschen wieder gelänge, sich als Westdeutsche zu akzeptieren, hielten vielleicht auch Ostdeutsche die Auseinandersetzung mit sich selbst für etwas Eigenes und nicht für Fremdbestimmung.

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