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Wahlkampf der SPD : Der Sachsenflüsterer

Wurde 1989 als Vermittler bekannt: Frank Richter besucht am 14. August 2018 „Essen auf Rädern“ in Meißen. Bild: Robert Gommlich

Frank Richter war Bürgerrechtler und Pfarrer – dreißig Jahre gehörte er zur CDU. Bei der Landtagswahl in Sachsen im Herbst tritt er nun für die SPD an und will der AfD die Stirn bieten.

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          An den Moment, als er beschloss, sich in die Politik einzumischen, kann sich Frank Richter gut erinnern. Es war nach der Bundestagswahl 2017, bei der die AfD in Sachsen zum ersten Mal die CDU überholt hatte. Sie lag nur um 0,1 Prozentpunkte oder 4811 Stimmen vorn, aber die „Sächsische Union“, die Staatspartei, welche die Geschicke des Freistaats seit 1990 bestimmt, wankte, und mit ihr schien das ganze Land zu wanken. „Wie lange willst du noch theoretisieren?“, fragte Richter sich damals. Es war eine dieser Fragen, welche die Antwort schon in sich tragen. Nach Jahren, ja Jahrzehnten des Erklärens von Politik wollte er jetzt selbst den Praxistest machen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Dabei kann es gut sein, dass Richter zu der krachenden Wahlniederlage der Union vorher selbst mit beigetragen hatte. Nur wenige Wochen vor der Wahl war er mit großem Knall aus der CDU ausgetreten. Der Effekt war umso größer, als die Öffentlichkeit bis dahin kaum wusste, dass er überhaupt Mitglied war. Die Menschen kennen Richter aus dem Oktober des Wendejahres 1989. Vorher hatte er in Erfurt katholische Theologie studiert, nachdem er in der DDR den Weg zum Lehramt nicht einschlagen durfte, weil ihn zwei Lehrer und ein Mitschüler als „Feind des Sozialismus“ angeschwärzt hatten. Das Theologiestudium sei sehr frei gewesen, sagt er heute. Dennoch kehrte er der katholischen Kirche später den Rücken, als er sich in eine Frau verliebte. Nach einem Intermezzo bei den Altkatholiken ist er heute Mitglied der evangelischen Kirche.

          „Hätte er damit nicht bis nach der Wahl warten können?“

          Während der Wende, noch als junger katholischer Kaplan, hatte er zwischen eingekesselten Demonstranten und der Polizei vermittelt und damit möglicherweise Gewalt verhindert. Später erlangte er als Direktor der Landeszentrale für politische Bildung bundesweit Bekanntheit, indem er Dialoge zwischen Anhängern und Gegnern von Pegida möglich machte und in Talkshows das Unmögliche versuchte, nämlich Sachsen zu erklären.

          Während seines Studiums hatte besonders die Katholische Soziallehre ihn geprägt. Sein Verständnis von Politik und Gerechtigkeit schien ihm deshalb in den Jahren der Wende bei der CDU am besten aufgehoben zu sein. Kurz vor der letzten Bundestagswahl ist er dann wieder ausgetreten, und vielleicht hat er damit viele frühere CDU-Wähler davon abgehalten, ihr Kreuz bei der Union zu machen. „Hätte er damit nicht bis nach der Wahl warten können?“, stöhnten damals die Parteifreunde.

          Für Richter aber waren solche taktischen Züge keine Option. Der Tropfen, der bei ihm das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, war eine Buchlesung während des Literaturfests in Meißen. Dort sollte es auch kritische Worte zu den Verhältnissen in Sachsen geben, und deshalb wollte die örtliche CDU die Veranstaltung verhindern. Als das misslang, verbot der von der CDU unterstützte Oberbürgermeister die danach geplante Diskussion unter Berufung auf sein Hausrecht im städtischen Ratssaal. Richter war so empört, dass er sein Parteibuch zurückgab. Er hatte sich diesen Schritt allerdings bereits früher überlegt. Die desaströse Sparpolitik seiner damaligen Partei vor allem an Sachsens Schulen störte ihn schon länger, und auch dass die CDU Rüstungsexporte befürwortet, wollte er nicht mittragen. Der Union sei das Christliche abhandengekommen, befand er.

          Nach der Niederlage ist vor der Landtagskandidatur

          Man kann es Ironie des Schicksals nennen, dass Richters Einstieg in die Politik nun ausgerechnet mit Meißen verbunden ist, und das gleich doppelt. Im vergangenen Jahr fragte ihn ein überparteiliches Bürgerbündnis, ob er Spitzenkandidat zur Oberbürgermeisterwahl werden wolle. Richter sagte zu, obwohl die Stiftung Frauenkirche Dresden, deren Direktor er erst anderthalb Jahre zuvor geworden war, ihn für die Zeit des Wahlkampfs nicht wie gewünscht freistellte. Also kündigte er, zog nach Meißen, stürzte sich in den Wahlkampf, siegte im ersten Wahlgang und verlor dann denkbar knapp im zweiten. Am Ende setzte sich der parteilose Amtsinhaber Olaf Raschke mit 97 Stimmen Vorsprung durch.

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