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SPD in Sachsen : Zuversicht aus Trotz

Martin Dulig, Vorsitzender der Sachsen-SPD, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Chemnitz Bild: dpa

In Sachsen hat es die SPD seit jeher schwer. Die Polarisierung zwischen AfD, CDU und Grünen lässt ihre Umfragewerte abermals in den Keller rutschen. Doch Martin Dulig kämpft.

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          Plötzlich steht Martin Dulig auf der Prager Straße, Dresdens Einkaufsmeile, und spricht über die SPD. Es gibt keine Bühne, nur ein Handmikrofon und Lautsprecher. Sachsen brauche mehr Tariflöhne und endlich Gemeinschaftsschulen, die Grundrente müsse jetzt beschlossen werden, und dass es eben nicht egal sei, wer regiere. Einige Leute bleiben stehen und hören kurz zu, andere laufen einfach weiter.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Kann gut sein, dass sie Sachsens SPD-Chef für einen der hier auch zahlreich anzutreffenden Straßenkünstler halten. Nach kurzer Zeit ist das Ganze auch schon wieder vorbei. „Fünf Minuten Dulig“ hat die Landes-SPD ihre neueste Wahlkampf-Aktion getauft. Anfangs hatte Dulig noch ein rotes Podest dabei, doch das erwies sich als zu klein für den Bewegungsdrang des Kandidaten. Ohne sei sowieso besser, sagt Dulig. „So bin ich auf Augenhöhe mit den Leuten.“

          Diese Art Guerrilla-Wahlkampf bringt Sachsens SPD immerhin etwas Aufmerksamkeit. Rund 5000 Menschen habe er bei seinen 15 Spontanauftritten bisher erreicht, schätzt Dulig. „Das muss man erst mal schaffen.“ In Leipzig und Dresden ist das freilich einfacher als in Limbach-Oberfrohna, wo er auf einem gähnend leeren Marktplatz losredete. Am Ende hätten 40 Leute zugehört. „So viele“, sagt Dulig, „wären doch dort sonst nie stehen geblieben.“ Sie vernahmen die Botschaft, dass es die SPD noch gibt im Freistaat.

          Wahlkampf am Küchentisch

          Dabei regiert Dulig seit fünf Jahren mit in Dresden, er ist Minister für Arbeit und Wirtschaft und stellvertretender Ministerpräsident, er macht wie seine Kollegen im Kabinett eine durchaus solide, skandalfreie Arbeit, und dennoch zahlt sich das für die SPD nicht aus. Nach 12,4 Prozent vor fünf Jahren sehen Umfragen die Partei aktuell zwischen sieben und neun Prozent. Damit ist sie drauf und dran, von der Bayern-SPD die Rote Laterne für das schlechteste Wahlergebnis zurückzuholen.

          Dulig, gelernter Baufacharbeiter und Diplompädagoge, ist niemand, der zur Selbstkritik unfähig wäre, aber auf die Frage nach den Ursachen antwortet er schnell mit Berlin. „Den Niedergang der Partei baden wir hier gerade komplett aus“, sagt er. Nach dem Rücktritt von Andrea Nahles fiel die sächsische SPD in Umfragen auf das Allzeit-Tief von sieben Prozent. „Bitter“ sei das, sagt er, dem die Gesamtlage auch sein persönliches Langzeitprojekt des Wiederaufbaus der Sachsen-SPD zerstört hat. 2009 war er – gerade 35 Jahre alt – angetreten, die SPD in ihrem einstigen Stammland wieder groß zu machen, zehn Jahre Zeit hatte er sich dafür gegeben. Die „Halbzeitbilanz“ vor fünf Jahren konnte sich sehen lassen, zwischenzeitlich lagen die Sozialdemokraten bei 15 Prozent, der beste Wert in 20 Jahren, und nach der Wahl führte er die Partei in die Regierung.

          Das wirksamste Werbemöbel dafür war Duligs Küchentisch, mit dem er bis heute durch das Land fährt, um daran Bürger und immer wieder auch prominente SPD-Politiker zusammenzubringen. Seine besten Berater säßen an selbigem bei ihm zu Hause, lautet die eingängige Erzählung des sechsfachen Vaters und mittlerweile auch dreifachen Großvaters. Zumindest das merken sich die Leute.

          Größtes unausgeschöpftes Potential

          Dulig hat sich einen guten Stand erarbeitet, er ist heute der nach Ministerpräsident Michael Kretschmer beliebteste Politiker in Sachsen. Doch ähnlich wie die CDU bei Kretschmer kann auch Duligs SPD davon nicht profitieren. 29 Prozent der Sachsen gaben in einer Umfrage an, sich „grundsätzlich vorstellen“ zu können, SPD zu wählen. Damit haben die Sozialdemokraten hier das größte unausgeschöpfte Potential aller Parteien. Dulig versucht, es mit einem Positiv-Wahlkampf zu heben, er will dem Land Zuversicht vermitteln.

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