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AfD in Sachsen und Brandenburg : Auf dem Weg zur neuen Ostpartei?

Im Vergleich mit den Spitzenkandidaten anderer Parteien lagen sie als Wunschkandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten jeweils mit großem Abstand vorne: Kretschmer vs. Urban (AfD): 60 vs. 12 Prozent, Kretschmer vs. Gebhardt (Linke): 57 vs. 9 Prozent; Woidke vs. Senftleben (CDU): 47 vs. 23 Prozent, Woidke vs. Kalbitz (AfD): 52 vs. 12 Prozent. Beide dürften also von einem Amtsbonus profitiert haben, der sich bei Wahlen zuletzt immer häufiger abgezeichnet hat, etwa 2016 bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. 

Angesichts der – auch durch die Berichterstattung der Medien – als unübersichtlich dargestellten Mehrheitsverhältnisse nach der Wahl wirkten Kretschmer und Woidke wohl zudem als verlässliche Größen. Gleichzeitig äußerten gerade die Brandenburger, ihr Alltag habe sich in den vergangenen Jahren verschlechtert, vor allem bei der ärztlichen Versorgung, der Polizeipräsenz und dem öffentlichen Nahverkehr. Auf die Zukunft ihres Bundeslandes blicken sowohl Brandenburger als auch Sachsen negativer als noch vor fünf Jahren.

Wohl auch deshalb gelingt es der AfD, jene Sachsen und Brandenburger an sich zu binden, die sich als Ostdeutsche ohnehin „als Bürger zweiter Klasse“ behandelt fühlen. Personen mit dieser Einstellung sind unter den Wählern der AfD am stärksten vertreten. Auch ist unter ihnen der Anteil jener hoch, die die Sorge eint, dass sich ihr Leben zu stark verändern könnte.

Die Landtagswahlen zeigen also deutlich: Die AfD hat der Linken, 30 Jahre nach dem Mauerfall, den Rang als Protestpartei abgelaufen. In Sachsen hat die Linke 29.000 Wähler an die AfD verloren, in Brandenburg 11.000.

Wählerwanderung

Landtagswahl Sachsen 2019
2014
2019
Quelle: Infratest dimap (Stand: 02.09.2019 7:30)

Der AfD profitiert aber auch insgesamt von einer verstärkten Kompetenzzuschreibung. Sie gilt längst nicht mehr nur noch in Fragen der Migrationspolitik als fachkundig, auch wenn sie bei diesen Themen sowohl in Brandenburg als auch in Sachsen als kompetenteste politische Kraft eingestuft wird. Auch im Bereich soziale Gerechtigkeit kann sie sich zunehmend stärker profilieren (plus 7 Prozentpunkte in Brandenburg im Vergleich zu 2014) – auch wenn sie bei diesem Thema noch hinter den anderen Parteien liegt.

70 Prozent der sächsischen AfD-Wähler gaben an, die Partei wegen ihrer politischen Forderungen zu wählen; nur 28 Prozent führten als Grund an, sie hätten der Politik beziehungsweise anderen Parteien einen Denkzettel verpassen wollen. In Brandenburg ist das Bild ein anderes: Hier überwiegt der „Denkzettel“-Aspekt (53 Prozent; wegen politischer Inhalte gewählt: 43 Prozent).

In Sachsen landet die AfD bei der Frage nach der Partei mit den besten Konzepten für die Zukunft immerhin auf Platz drei (11 Prozent), knapp hinter den Grünen (12 Prozent) und mit einem etwas größeren Abstand zur CDU (17 Prozent). Es scheint ihr offenbar zunehmend zu gelingen, als Anwalt ostdeutscher Interessen wahrgenommen zu werden – ein Anspruch, den sie auch im Wahlkampf angemeldet hat, indem sie sich als Erbe der friedlichen Revolution stilisierte. Die Linke hingegen hat bei der „Ostkompetenz“ im Vergleich zum Vorjahr vier Prozentpunkte verloren.

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