https://www.faz.net/-gpf-7tdhc

Politik in Sachsen : Deutschlands buntestes Parlament

  • -Aktualisiert am

Anfang der neunziger Jahre gebaut: der sächsische Landtag in Dresden Bild: dpa

Geht es um die Beliebtheit ihres Dialekts, verlieren die Sachsen jede Wahl. Ähnlich ergeht es der SPD im Landtag in Dresden. Für die CDU ist Sachsen seit dessen Wiedergründung 1990 ihr ostdeutsches „Musterländle“. Eine politische Landeskunde.

          5 Min.

          Geht es um ihre Sprache, verlieren die Sachsen jede Wahl. Das Sächsische zählt regelmäßig zu den unbeliebtesten Dialekten Deutschlands, aber umso stolzer scheinen die Sachsen auf ihn zu sein. Mit Hingabe wählen sie jedes Jahr ihr beliebtestes sächsisches Wort des Jahres; aktueller Favorit ist die Hitsche, was Fußbank bedeutet. Sieger bei der ersten Wahl vor sechs Jahren war das Wörtchen „Nu“, auch weil sich noch immer nicht überall herumgesprochen hat, dass diese Wendung ganz und gar nicht Ablehnung, sondern vielmehr vollste Zustimmung bedeutet, gerne auch als Verbindung mit „Nu gloar“, was soviel wie „Aber sicher“ heißt.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Einer, der mit Hingabe sächselt, ist der erste Mann im Freistaat, Landtagspräsident Matthias Rößler. Er gehörte schon dem ersten Landtag nach der Wiedergründung Sachsens 1990 an; an diesem Sonntag wird der inzwischen 59-Jährige wohl zum sechsten Mal für die CDU ins Dresdner Parlament einziehen und damit zu den wenigen Abgeordneten gehören, die seit Anfang an in Sachsens Politik dabei sind.

          1990 hatte die Sachsen-CDU zunächst Heiner Geißler die Spitzenkandidatur angetragen, und als dieser ablehnte, Kurt Biedenkopf gefragt. Damit verhinderten die Reformer in der sächsischen Union einen einstigen Blockpartei-Vorsitzenden als ihren Frontmann und legten unverhofft auch den Grundstein für die nun schon 24 Jahre dauernde Vorherrschaft der CDU. Kurt Biedenkopf verstand es wie kein zweiter, den Sachsen wieder Stolz auf ihr Land sowie Selbstbewusstsein zu vermitteln und zugleich glaubhaft eine gewisse Skepsis gegenüber dem Westen zu verkörpern, für den damals Biedenkopfs Parteifreund und Widersacher Helmut Kohl stand.

          Das erwies sich als besonders vorteilhaft, als die von Kohl versprochenen blühenden Landschaften ausblieben und stattdessen reihenweise Unternehmen schlossen. Über Nacht standen damals allein in Sachsen Zehntausende Mitarbeiter aus Tagebauen, der Textilindustrie, Maschinenbau- und Mikroelektronik-Firmen auf der Straße. Die Arbeitslosenquote stieg auf 25 Prozent. Jede andere Regierung wäre abgewählt worden, die CDU mit Biedenkopf an der Spitze aber legte bei der Landtagswahl 1994 noch um fünf Prozent zu und baute ihre absolute Mehrheit auf mehr als 58 Prozent aus.

          Die SPD, deren Zentrum und Gründungsland Sachsen einst war, wurde mit 16,6 Prozent auf die Bretter geschickt, mit 0,1 Prozent Vorsprung vor der PDS, wie die Linkspartei damals noch hieß. Sie konnte in Sachsen, dessen Einwohner 1989 als erste gegen die SED auf die Straße gegangen waren, zunächst nicht reüssieren. Seit 1999 jedoch hat sie sich klar als zweitstärkste politische Kraft im Freistaat etabliert.

          „Königlich-sächsische Hofopposition“

          Die SPD konnte als Neugründung weder auf eine vorhandene Parteistruktur wie CDU und PDS zurückgreifen, noch hatte sie ein glückliches Händchen bei der Wahl ihres Spitzenpersonals. Eine Landesvater-Figur wie Manfred Stolpe in Brandenburg fand sich nicht, und die importierte Kandidatin Anke Fuchs, damals SPD-Bundesgeschäftsführerin, fiel gegen Biedenkopf nicht zuletzt deshalb durch, weil sie klar erkennen ließ, nur bei einem Sieg überhaupt im Freistaat bleiben zu wollen. Der sächsische SPD-Vorsitzende Karl-Heinz Kunckel wiederum ging fortan gern mit Kurt Biedenkopf im Wald spazieren, was seiner Partei bald das Etikett „Königlich-sächsische Hofopposition“ einbrachte.

          Biedenkopf baute seine und die Macht seiner Partei kontinuierlich aus; als Minister ernannte er vorwiegend Sachsen, seine Staatssekretäre aber kamen aus dem Westen, ebenso ein Großteil der neuen Landesverwaltung. Das einstige königliche Innenministerium am Elbufer ließ er zur Staatskanzlei umbauen und die von den Kommunisten entfernte goldene Krone wieder denkmalgerecht aufs Dach setzen. Die Nachfahren der Wettiner, die sich erst Mitte der neunziger Jahre in der Hoffnung auf Rückgabe und Entschädigung im Freistaat blicken ließen, kamen zu spät. Biedenkopf selbst ließ sich fortan unwidersprochen König Kurt nennen und hatte ansonsten ein Auge darauf, das einstige Königshaus aus dem offiziellen Leben fernzuhalten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Können steigende Rohstoffpreise dazu führen, dass Händler einige Produkte aus ihrem Sortiment streichen?

          Billig einkaufen im Supermarkt : Kampf um jeden Preis

          Händler und Hersteller streiten über die Preise im Lebensmittelhandel. Die könnten im Supermarkt weiter steigen. Die Folgen zeigen sich für den Verbraucher aber auch schon heute: Einige Produkte verschwinden aus den Regalen.
          Chefarztpositionen bedeuten auch weniger Zeit für Patienten und Forschung.

          Unbeliebte Führungsposition : Chefärzte könnten knapp werden

          Immer weniger Mediziner wollen aufsteigen. Im neuen Posten befürchten sie zu wenig Zeit für Patienten und ihre Familien. Zudem bereitet das Studium sie nur unzureichend auf Kompetenzen in Führungspositionen vor.
          „Fifty Shades“ lässt grüßen: Eva Illouz und Dana Kaplan zufolge ist Sadomasochismus inzwischen ein „Mittelklassehobby“.

          Ökonomie und Sexualität : Gibt es also neoliberalen Sex?

          Wie man Selbstwert und Resilienz am besten kultiviert: Eva Illouz und Dana Kaplan spekulieren über die Wirkung eines entspannten Liebeslebens auf Berufsaussichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.