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CDU vor AfD in Sachsen : „Wir haben es geschafft“

Ein respektvoller Wahlkampf

Es war ein bemerkenswerter Wahlkampf im Freistaat, ging es doch erstaunlich oft um Inhalte, um Bildung, Sicherheit, Bürokratie, Klima, Migration. Bürger und Politiker sprachen miteinander, hörten einander zu, manchmal noch mit zu viel Verständnis auch für unverständliche Positionen, aber überwiegend mit Respekt. Alle Parteien hatten dafür fast ausnahmslos auf Großveranstaltungen verzichtet und eher kleine, persönliche Formate angeboten, die sich viel weniger fürs Hassen und Wüten eignen – schon gar nicht, wenn einem der CDU-Vorsitzende Kretschmer eine selbst gegrillte Wurst in die Hand drückt; wenn Linke-Spitzenkandidat Rico Gebhardt symbolisch einen einstigen Tante-Emma-Laden im Dorf wieder aufmacht; wenn die Grünen zum Austausch in sogenannten Townhall-Meetings laden; wenn die AfD im DDR-Wohnanhänger vorfährt oder wenn der SPD-Vorsitzende in der Fußgängerzone auf Augenhöhe mit den Leuten redet.

Zu erkennen ist das auch an der Wahlbeteiligung, die diesmal deutlich steigt. Bereits um 14 Uhr hatten fast 30 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, doppelt so viel wie zu dieser Zeit bei der Wahl vor fünf Jahren. Laut ersten Prognosen stimmen am Sonntag fast zwei Drittel der wahlberechtigten Sachsen ab. Vor fünf Jahren war am Ende nicht einmal die Hälfte der Wahlberechtigten zur Abstimmung gegangen.

Suche nach Nähe: Kretschmer als Wahlkämpfer im Gespräch mit Bürgern
Suche nach Nähe: Kretschmer als Wahlkämpfer im Gespräch mit Bürgern : Bild: dpa

Eher verhalten jubeln am Sonntagabend die Grünen, die im Vergleich zu 2014 zwar zulegten, entgegen aller Prognosen aber nicht zweistellig abschnitten. Im Laufe des Abends sieht es dann sogar so aus, als könnte die CDU mit der SPD allein weiterregieren. Die Grünen haben von Anfang an klar gemacht, dass sie nicht als bloßer Mehrheitsbeschaffer zur Verfügung stehen, sondern eine Beteiligung abhängig von klaren inhaltlichen Anpassungen der Regierungspolitik hin zu mehr Umweltverträglichkeit und Weltoffenheit machen werden. Die grundsätzliche Bereitschaft aber, Verantwortung zu übernehmen, ist in dem Landesverband vorhanden – vor fünf Jahren hatte er sich einer damals bereits möglichen Koalition mit der CDU verweigert.

Ein Drama mit Ankündigung liefert dagegen die SPD. Trotz guter und skandalfreier Arbeit in der Koalition kommt sie nicht gegen das Chaos an der Bundesspitze in Berlin an. Die Sozialdemokraten im Freistaat sacken auf knapp acht Prozent ab. Auf der Wahlparty im neu eröffneten Dresdner Herbert-Wehner-Haus ist die Stimmung dennoch verhalten positiv – am Ende könnte es für die SPD wieder zum Mitregieren reichen.

Wenig zu holen gibt es bei dieser Wahl für die Linkspartei. Zwar besann sie sich wieder auf ihren alten Ruf als Ost-Partei, der arg gelitten hatte, nach dem sie sich mit der WASG zusammengeschlossen und den Willen entwickelt hatte, in den Westen zu expandieren. Doch konnte die Linke ebenso wie SPD und FDP angesichts der Polarisierung zwischen AfD, CDU und Grünen nicht viel erwarten. Das Ergebnis von gut zehn Prozent, etwa halb so viel wie vor fünf Jahren, ist ein Schock. So klein war die Linke noch nie im Freistaat, zudem muss sie ihren bisherigen Dauerstatus als stärkste Oppositionspartei im Landtag an die AfD abgeben. Die FDP wiederum, die Sachsens Wähler 2014 auch angesichts des verheerenden Bundestrends aus der Regierungsverantwortung direkt in die außerparlamentarische Opposition geschickt hatten, wollte es unbedingt schaffen, nach fünf Jahren wieder ins Parlament zurückzukehren. Doch dieses Projekt ist gescheitert. Auf der Wahlparty der Liberalen im Dresdner Kongresszentrum herrschte schon kurz nach Verkündung der ersten Hochrechnungen gähnende Leere.

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