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Grünen-Wahlkampf in Sachsen : Gerne auch mit der CDU

  • -Aktualisiert am

Derzeit so gut wie nie: Zschocke und Hermenau in Dresden Bild: dpa

In Sachsen wollen die Grünen endlich mitregieren – und verweisen auf Erfolge im Westen. Koalitionsaussagen machen sie aber lieber keine. Doch die CDU könnte als möglicher Regierungspartner dienen.

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          Bei Antje Hermenau sind an diesem Morgen drei Meerschweinchen ausgebüxt. Sie haben sich selbst aus dem kleinen Gehege im Garten befreit, aber Hermenau macht keine Anstalten, sie wieder einzufangen, trotz eines Marders in der Nachbarschaft. „Freiheit heißt: Man kann auch gefressen werden“, sagt die Fraktionschefin der Grünen im Sächsischen Landtag. Mit theoretischen Diskussionen hat sich die Fünfzigjährige noch nie lange aufgehalten, sie nimmt die Dinge, wie sie sind. Und was die Grünen betrifft, liegen sie in Sachsen zurzeit gut wie nie. 7,2 Prozent holte die Partei hier im Mai bei den Kommunalwahlen.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Umfragen für die Landtagswahl am 31.August sagen ihr ähnliche Werte voraus. Die Grünen würden freilich gern noch mehr holen, um sicher vor der AfD ins Ziel zu gehen, die in Sachsen sehr wahrscheinlich erstmals in ein Landesparlament einziehen wird. Mehr hatten sich die Grünen auch schon vor fünf Jahren erhofft, kamen dann allerdings nur auf 6,4 Prozent. Die FDP holte damals vor der nahenden Bundestagswahl vier Prozent mehr und schaffte es in Dresden bis in die Regierung. 2009 sei das Jahr der FDP gewesen, sagt Hermenau. Seitdem aber habe die Bedeutung der Grünen in den Ländern enorm zugenommen.

          Im Gegensatz zu den Liberalen ist die Öko-Partei heute in sieben West-Bundesländern in der Regierung, stellt in Baden-Württemberg gar den Ministerpräsidenten. Im Osten sitzen die Grünen zwar schon lange wieder in allen Landtagen, kleben aber auf den Oppositionsbänken fest. Hermenau will das ändern. Sie war viele Jahre Haushaltsexpertin ihrer Partei im Bundestag und hat 2004 die Grünen zurück in den Dresdner Landtag geführt. „Jetzt würde ich gern die nächste Stufe zünden“, sagt sie, „Inhalte nicht immer nur vortragen, sondern in der Regierung verwirklichen.“ Wenn es sein muss, auch mit der CDU. Dass ihre Partei im Herbst in Berlin abermals in die Opposition gegangen ist, hält sie für eine verpasste Chance. „Die Energiewende, unser Kernthema, gestalten jetzt andere, und das auch noch schlecht. Das macht mich traurig.“

          Wichtigstes Thema der Grünen ist der Klimaschutz, sie wollen weg von der Braunkohle, nur stehen sie damit im Osten, wo Zehntausende Arbeitsplätze am Braunkohlenabbau hängen, ganz allein. CDU, SPD und ein Großteil der Linken sprechen sich klar für die Braunkohle aus; Sachsen genehmigte jüngst den Ausbau eines Kraftwerks, Brandenburg die Erweiterung eines Tagebaus. Eher ankommen dürften grüne Anliegen wie Busse und Bahnen im sich entvölkernden ländlichen Raum zu erhalten und die Massentierhaltung zu begrenzen. „Wir essen auch Fleisch“, sagt Antje Hermenau, „aber wir müssen dafür keine Tiere quälen.“ Vom erhobenen Zeigefinger a là „Veggie-Day“ hält sie dagegen nichts. „Die Leute wollen sich nicht gängeln lassen, das sollten wir Grüne ruhig auch mal zur Kenntnis nehmen.“

          In Sachsen ziehen die Grünen ohne Koalitionsaussage in den Wahlkampf. Realistisch ist wohl ohnehin nur ein bürgerliches Bündnis mit der CDU. Rot-Rot-Grün zusammen kommt im Freistaat nicht mal annähernd an die Union heran. Nur werden die Grünen wohl nicht erster Ansprechpartner der CDU bei der Suche nach einem Koalitionspartner sein, auch wenn es in der Vergangenheit eine Annäherung gab. Gemeinsam mit CDU, FDP und SPD verankerten die Grünen ein Neuverschuldungsverbot in der Sächsischen Verfassung.

          Hermenau und Zschocke als Spitzen-Duo

          Der Erfolg kam auch zustande, weil sich Antje Hermenau und der Vorsitzende der sächsischen CDU-Fraktion, Steffen Flath, sehr gutverstehen. Flath scheidet jedoch aus dem Landtag aus, was eine künftige schwarz-grüne Koalition erschweren dürfte. Die Freundschaft zwischen dem beinharten Konservativen aus dem Erzgebirge und der grünen Großstadtpflanze – Hermenau stammt aus Leipzig und lebt heute in Dresden – sorgte für Aufsehen im politischen Sachsen. Nicht wenige Grüne nahmen ihr die Avancen gegenüber der CDU übel; bei der Aufstellung der Liste für die Landtagswahl wählten sie statt mehr als 90 Prozent wie in den Vorjahren nur noch 62 Prozent auf den ersten Platz. Auf dem zweiten stellten die Delegierten ihr mit 88 Prozent Volkmar Zschocke zur Seite. Beide bilden seitdem das Spitzen-Duo, auch wenn Hermenau um ein Vielfaches bekannter im Lande ist.

          Zschocke ist 45 Jahre alt und eher der ruhige, Seriosität ausstrahlende Typ. Gleichwohl verbittet er sich jegliche Interpretationen dahin gehend, dass er seine bisweilen äußerst impulsive Ko-Spitzenkandidatin zähmen soll. „Wir ergänzen und verstärken uns“, sagt er. In diesem Jahr treten die Grünen mit lokalen Direktkandidaten in allen Wahlkreisen an; ein Erfolgsrezept, dass sich laut Zschocke schon bei den Kommunalwahlen ausgezahlt habe. Hermenau selbst sagt, dass sie die Zeiten der One-Woman-Show nicht vermisse. Schon gar nicht, wenn es nach dem 31. August doch zu einer Koalition kommen sollte.

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