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Freie Wähler in Sachsen : Gepflegt konservativ

  • -Aktualisiert am

Unterstützung aus Bayern: Mit Cathleen Martin, der Spitzenkandidatin der sächsischen Freien Wähler, ist der stellvertretende bayerische Ministerpräsident Hubert Aiwanger auf Wahlkampftour in Altenberg. Bild: dpa

Beflügelt vom Erfolg in Bayern wollen die Freien Wähler auch in Sachsen endlich in den Landtag kommen. Bislang sieht es aber nicht so aus, als ob ihnen das gelingt.

          Von Bayern lernen, heißt Siegen lernen – was früher eine Art inoffizieller Slogan der sächsischen CDU war, beanspruchen heute Sachsens Freie Wähler für sich, und so platzen sie fast vor Stolz, als der Star der bayerischen Schwesterpartei sich auch einen Tag Zeit für sie nimmt. Hubert Aiwanger, seit knapp einem Jahr Vize-Ministerpräsident in München, ist nach Altenberg ins Erzgebirge gekommen, um Mut zu machen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Altenberg, eine Kleinstadt knapp eine Autostunde südlich von Dresden gelegen, ist ein Wander- und Wintersportzentrum, das seit einer Ewigkeit von Thomas Kirsten regiert wird – ein Bürgermeister der Freien Wähler, für den die Vokabel unkonventionell wohl eigens erfunden wurde. Kirsten regelt die Dinge gern auf kurzem Weg, und so hat er die im Wahlkampf obligatorische Firmenbesichtigung am Vortag nur dem Seniorchef des Unternehmens zugerufen, was just in dem Moment herauskommt, als der Juniorchef große Augen macht angesichts der Wagenkolonne, die mit Aiwanger an der Spitze auf seinen Hof einbiegt. 

          Aiwanger, ganz volksnaher Politiker, eilt umgehend auf einige in die Mittagspause strebende Mitarbeiter zu, die ihn jedoch nicht kennen und die auch bei der Spitzenkandidatin der sächsischen Freien Wähler, die hinter Aiwanger herlaufen muss, passen müssen. Die Frau heißt Cathleen Martin und wusste bis vor fünf Monaten selber noch nicht, dass sie jetzt im Wahlkampf sein würde. Martin, 45 Jahre alt, ist Kriminalpolizistin, sie arbeitete bei der Mordkommission in Leipzig und ist Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, der im Bund Rainer Wendt vorsteht. Anfang des Jahres hatte sie schon einen Antrag auf Aufnahme in die CDU ausgefüllt, die für Ordnung und Sicherheit stehende Kandidatinnen dringend braucht, aber in dieser Funktion kam sie auch für die Freien Wähler gerade richtig, die sie zudem umgehend zur Spitzenkandidatin machten.

          Von den Bayern lernen

          Die Blitzkarriere ist schon mal ein großer Unterschied zu Aiwanger, der auch schon vor der Koalition seiner Partei mit der CSU so gut wie jedem Bayern bekannt gewesen sein dürfte. Für Martin, die bis dahin praktisch ohne jede politische Erfahrung war, ist die neue Rolle noch ungewohnt. In Altenberg übernimmt ohnehin Thomas Kirsten die Regie, der gleich mal alle duzt, Aiwanger inklusive. „Wir wollen von den Bayern was lernen", sagt er zur Begrüßung. „Erzähl doch mal, wie das bei Euch so läuft."

          Zunächst aber erzählt erst mal Firmenchef Christoph Herbrig, was nicht so rund läuft, und das ist vor allem die Zusammenarbeit mit der Landesverwaltung. Die Firma, 1956 gegründet und nach 1990 reprivatisiert, stellt Hochpräzisions-Drehteile wie Buchsen und Stifte unter anderem für Elektronikfirmen her. 100 Millionen Teile im Jahr auf 150 Maschinen mit 170 Mitarbeitern, erklärt Herbrig. Das ist eine große Nummer für die 8.000-Einwohner-Stadt, die stolz ist, dass ihr die Firma trotz wachsenden Platzbedarfs treu bleibt, aber beinahe resigniert hätte aufgrund der vielen Auflagen.

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          Eine halbe Millionen Euro mehr hätten das Unternehmen die Forderungen des Staates, von der unteren Wasserbehörde bis zum Denkmalschutzamt inklusive Fledermausrefugium und Gründach gekostet. „Da kriegst du die Krise", sagt Bürgermeister Kirsten und greift sich an den Kopf. Firmenchef Herbrig sagt, dass er durchaus Verständnis für manche Auflagen habe, sich aber über die „Salami-Taktik" der Behörden ärgere, die im Laufe der Zeit immer neue Forderungen erhoben hätten. „Wir kommen uns vor wie Störenfriede", sagt er.

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