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Landtagswahlen im Osten : Grüne Opfer der Zweikämpfe?

Die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock mit den Brandenburger Spitzenkandidaten Benjamin Raschke und Ursula Nonnenmacher Bild: dpa

Die Grünen legen im Osten zu, viele aber hatten sich mehr erwartet. Die Sprachregelung lautet nun, dass die Partei unter dem knappen Rennen um die Spitzenposition gelitten habe.

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          In der 17. Etage des Mercure-Hotels in Potsdam staut sich heiße Luft. Dicht gedrängt stehen Grünen-Anhänger beieinander, sie wollen mal so richtig feiern an diesem Abend. Vor ein paar Wochen stand die Partei bei 13, 14 Prozent, zwischendurch sogar schon mal bei 17. Man traut den Umfragen, schließlich hatten die sich in Bayern, Hessen und bei der Europawahl auch bewahrheitet. „Unsere Themen sind in Brandenburg angekommen“, so hat es die brandenburgische Spitzenkandidatin Ursula Nonnemacher ein paar Tage vor der Wahl festgestellt. Um 18 Uhr sollte der Beweis geliefert werden, dass auch der Osten Deutschlands durchgegrünt ist. Doch der Balken, der auf dem großen Bildschirm erscheint, bleibt bei zehn Prozent stehen. In Sachsen landen die Grünen bei acht Prozent. Einstellig. Das sind die Grünen nicht mehr gewohnt. In beiden Bundesländern haben sie ihr Ergebnis der letzten Landtagswahl deutlich gesteigert. Und trotzdem wirkt es wie eine Niederlage.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.


          „Erwartungsmanagement“ ist ein Wort, das die Grünen gerne benutzen. Die vielen neuen Mitglieder, der Andrang bei öffentlichen Auftritten der Parteivorsitzenden – darüber haben sich die Grünen gefreut, aber es schwang auch immer die Sorge mit, zu enttäuschen. Die Grünen wissen, dass sie eine Projektionsfläche für unerfüllbare Wünsche sind. Und dass ein Hype so schnell wieder verschwinden kann, wie er gekommen ist. Wenn der Erfolgs-Nimbus erste Kratzer bekommt, kann das ganz schnell gehen.

          Auf den vergangenen Wahlpartys sprachen grüne Spitzenpolitiker von Demut. Jetzt musste Annalena Baerbock den Brandenburger Grünen Mut machen. Sie erinnerte die Partei daran, dass man sich über dieses Ergebnis früher unbändig gefreut hätte. „Sonst haben wir nicht geschwitzt, sondern gezittert, dass wir in den Landtag einziehen“, ruft die Parteivorsitzende, die bis 2013 den brandenburgischen Landesverband geführt hat. Zwischen 1994 und 2009 waren die Grünen in Brandenburg nur außerparlamentarische Opposition. Man sei immer stärker und stärker geworden, sagt Baerbock. „Und es geht noch weiter“, ruft sie.
          Doch erstmal muss das Ergebnis verarbeitet werden. Schnell hatte der Bundesvorstand zusammen mit den Spitzenkandidaten der beiden Länder eine Sprachregelung gefunden: Man habe in den vergangenen Tagen von vielen Wählern gehört, dass sie eigentlich grün wählen wollten, aber sich aus taktischen Gründen doch anders entschieden hätten.

          Die Angst, dass die AfD stärkste Kraft werden könnte, habe die Brandenburger zur SPD und die Sachsen zur CDU getrieben. So ist es am Abend auf allen Kanälen zu hören. Zwar gibt es noch keine Daten, die diese Annahme stützen, immerhin klingt sie plausibel. In Brandenburg hatte es schon Gedankenspiele gegeben, wie man einen Parlamentspräsidenten der AfD verhindern könnte. Allerdings hatten sich die Grünen selbst als Gegenpol zur AfD positioniert und die Landtagswahlen zur entscheidenden Schlacht stilisiert: Mut und Menschlichkeit oder Hass und Hetze, so lautete die Formel.

          Die Brandenburgische Spitzenkandidatin Nonnemacher sagt am Abend, man müsse darüber reden, warum nicht jede Umfrage eins zu eins in Wählerstimmen umgesetzt worden sei. Und dann lobt sie auch schon wieder und rechnet vor, dass man wegen der gestiegenen Wahlbeteiligung wohl das Ergebnis der Europawahl vom Mai gehalten habe. Da lagen die Brandenburger Grünen bei 12,3 Prozent.

          Die sächsischen Spitzenkandidaten Wolfram Günther und Katja Meier am Wahlabend

          Die Grünen sperren sich in Brandenburg nicht gegen Rot-Rot-Grün. Den meisten im Land ist das lieber als ein Kenia-Bündnis, auch wenn Rot-Schwarz-Grün eine stabilere Mehrheit hätte. Man werde aber die bisherige Regierung nicht einfach mit grünen Stimmen verlängern, sagt Nonnemacher am Abend. Auf die Inhalte komme es an. Baerbock will an diesem Abend noch keine „roten Linien“ ziehen. In Brandenburg gibt es ohne die Grünen keine Mehrheit, anders als in Sachsen, wo die Partei – entgegen der Erwartungen – für die Regierungsbildung möglicherweise gar nicht nötig ist.

          Zwei Stunden später brandet im Mercure-Hotel noch mal Applaus auf. Marie Schäffer hat das Direktmandat für die Grünen in Potsdam gewonnen. Das erste Mal in der Geschichte der Brandenburger Grünen. Immerhin.

          Der Grünen-Bundesvorsitzende Robert Habeck am Sonntagabend in Berlin

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