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NPD- und AfD-Hochburg Bautzen : „Stempeln Sie uns bitte nicht ab!“

  • -Aktualisiert am

Die Spuren der Landtagswahl sind noch nicht verschwunden Bild: Amadeus Waldner

Jeder Vierte im Wahlkreis Bautzen 5 hat bei der Landtagswahl eine Partei rechts von der CDU gewählt. NPD und AfD erzielten hier ihr bestes Ergebnis. Aus Protest, sagen Politiker und Bürger. Eine Spurensuche in der sächsischen Provinz.

          7 Min.

          Es ist Nacht in Bautzen. Ein dünner Regen gießt seit Stunden auf die Stadt. Sebastian und Robert suchen einen Dönerladen. Sie laufen durch die Altstadt, an restaurierten Fassaden entlang. Ein Imbiss nach dem anderen hat geschlossen. Die Spuren der Landtagswahl sind noch nicht verschwunden. Die Plakate der Parteien hängen noch überall.

          Timo Steppat
          Redakteur in der Politik.

          Sebastian sagt: „Ich hätte mir gewünscht, dass die NPD besser abschneidet.“ Er schaut auf, wartet, kostet kurz die Schrecksekunde aus. „Damit die Leute endlich mal aufwachen.“ Die Leute - das sind aus seiner Sicht die Bürger, die nicht wählen gehen.

          In Bautzen ist die Zahl der Menschen, die am Sonntag keine Stimme abgegeben haben, genauso hoch wie in ganz Sachsen – sie liegt bei gut 50 Prozent. Dass die NPD nicht in den Landtag gekommen ist, sagt Sebastian, mache die Sache eigentlich noch schlimmer. „Die Parteien ruhen sich weiter aus, da ändert sich nichts.“ Sebastian ist 29, von Beruf Soldat. NPD wählen? „Niemals“, sagt er. „Das sind gefährliche Spinner.“

          Robert und Sebastian haben stattdessen AfD gewählt. Der 27 Jahre alte Robert bezweifelt, dass es die neue Partei besser machen wird. „Aber die haben eine Chance verdient.“ Ein bisschen Hoffnung steckt in dem, was er sagt. Vielleicht machen sie es ja doch besser als die etablierten Parteien.

          Robert arbeitet als Polizist, genau wie Sebastian kommt er aus der Region. Beide wollen bleiben. „Aber dafür muss sich etwas verändern“, sagt Sebastian. Zusammengenommen kommen AfD und NPD in Bautzen bei der Landtagswahl auf 25 Prozent der Stimmen. Jeder Vierte, der zur Wahl gegangen ist, hat für eine Partei rechts von der CDU gestimmt.

          Woran das liegt? Robert hat sein Kinn in der Jacke vergraben, der Regen läuft sein Gesicht herunter. „Die Leute fühlen sich hier nicht mehr sicher.“ Nein, nicht in der hübsch sanierten Altstadt mit ihren leuchtenden Fassaden. „In der Plattenbausiedlung in Bautzen West oder beim neuen Flüchtlingsheim, da geht’s ab“, sagt Robert.

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          Der nächste Morgen. Marko Schiemann sieht müde aus, seine Stimme ist heiser. Am Sonntag ist Schiemanns Fußballverein in die Regionalliga aufgestiegen, und er hat zum sechsten Mal die Direktwahl in Bautzen gewonnen. Er bleibt Landtagsabgeordneter für die CDU im Wahlkreis Bautzen 5, obwohl er sechs Prozentpunkte der Direktstimmen verloren hat.

          „Bautzen ist keine rechte Gegend“

          Er hat gefeiert, gewonnen ist gewonnen. Aber es war anders als sonst. „Ich war enttäuscht, ich habe mich für Bautzen sehr stark eingesetzt.“ Schiemann zählt Investitionsprogramme auf, die er in die Stadt geholt hat, spricht von Bildungs- und Arbeitsmarktinitiativen. Das gute Abschneiden der AfD kann er nicht nachvollziehen.

          Weder einen Direktkandidaten gab es in Bautzen, noch einen Ortsverein mit Strukturen. „Mir ist die AfD im Wahlkampf nur ein Mal begegnet“, sagt Schiemann. In den Gesprächen mit Bürgern habe die neue Partei fast nie eine Rolle gespielt, erinnert er sich. 14 Prozent haben am Sonntag AfD gewählt.

          In schnellen Schritten läuft Schiemann über den Marktplatz, immer wieder rutschen ihm auf dem nassen Pflaster die Schuhe weg. „Bautzen ist keine rechte Gegend, und das war es auch nie“, sagt er. Schiemann zeigt auf das gelb gestrichene Rathaus und wechselt kurz in die Rolle des Stadtführers. Aber die Zeit drängt.

          Schiemann ist stolz auf seine Stadt. Sie soll nicht für das beste NPD-Ergebnis in Sachsen stehen. Sie ist zwar aus dem Landtag geflogen, aber hier in Bautzen haben 11 Prozent die NPD gewählt. Bevor Marko Schiemann ins Auto steigt, wiederholt er, was er vorhin schon gesagt hat: „Stempeln Sie uns bitte nicht ab!“ Viele der rechten Wähler seien keine Extremisten, sondern enttäuscht von Verwaltung und Politik. Das gute Abschneiden der NPD, das hört man häufig in Bautzen, sei ein Zeichen des Protests. Aber gegen was?

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