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Wolfgang Böhmer : Der letzte Schweiger geht im Stillen

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Wolfgang Böhmer Bild: ZB

Am Sonntag ist in Sachsen-Anhalt gewählt worden. Nach neun Jahren tritt Wolfgang Böhmer als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt ab. Er gilt als knorrig, als schweigsam, als eigenwillig - selten wird erwähnt, dass er unter den amtierenden Ministerpräsidenten der fähigste ist.

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          Wolfgang Böhmer pflegt für Politiker ungewöhnliche Eigenschaften, die seine Mitarbeiter erst zur Verzweiflung bringen und später zur stillen Bewunderung. Er hält sich nicht an vorgegebene Redetexte und wirkt in seiner oft kurz angebundenen Art knorrig - unnötige Worte hält er auch für unnötig. Im Präsidium der CDU glauben manche, er schlafe - in Wirklichkeit schließt er nur die Augen und bestärkt so seine Fähigkeit zur Konzentration auf das Wesentliche. Das hat er wohl gelernt in seinen Jahren als Chefarzt - bei Operationen muss er alles andere ausblenden, sich auf eines konzentrieren. So hören alle zu, wenn er im Politikerkreis dann etwas sagt. Und wenn ganz gelegentlich jemand aus der Parteizentrale in Berlin ihn mahnend anruft, entgegnet er gelassen, solche Versuche der Fernsteuerung seien zu spät. Dafür sei er zu alt.

          Auch wenn er, der große Schweiger, nicht immer „alles sagt“: Er lügt nicht. Daher wählte er zum aussagekräftigen Titel einer Redensammlung, zu der er erst getrieben werden musste, den Titel „Lieber die unbarmherzige Wahrheit als eine barmherzige Lüge“. Das mag sperrig klingen - auf wohlfeile Breitenwirkung zielt der Mann nicht, weshalb er auch in der breiten Öffentlichkeit weniger wahrgenommen wird als manche andere Politiker. Seinen Gesprächspartnern verspricht Böhmer nichts. Er will nicht etwas zusagen, was voreilig ist oder er dann nicht einhalten kann; er kümmert sich aber dann um die Anliegen.

          Nach der Landtagswahl am Sonntag wird der mit 74 Jahren älteste regierende Ministerpräsident Deutschlands, eine Ausnahmeerscheinung unter Politikern, sich in den Ruhestand in seine Heimatstadt zurückziehen. Um seine Nachfolge werden bei der Landtagswahl SPD-Spitzenkandidat Jens Bullerjahn, derzeit Finanzminister in der schwarz-roten Regierung, und Wirtschaftsminister Reiner Haseloff kämpfen.

          Mit Kurt Beck und Horst Seehofer im Februar 2011

          Wenn Böhmer in einer Bilanz der letzten Legislaturperiode in Magdeburg sagt, Sachsen-Anhalt sei auf einem guten Weg, horcht man auf - den Begriff „ein wenig Stolz“ pflegt er sonst über seine Arbeit nicht zu nutzen. Das begründet Böhmer nicht zuletzt mit einer Arbeitslosenquote von 10,8 Prozent. Es ist nach 13,1 Prozent im Vorjahr die niedrigste Arbeitslosenzahl seit 1991 - selbst in der Wirtschaftskrise der vergangenen beiden Jahre sank sie. Im Wahljahr will Haseloff, der die Wirtschaftskrise in Sachsen-Anhalt für überwunden hält, unter die Zehn-Prozent-Marke. Die Haushaltsjahre 2007 bis 2009 nahm das Land keine neuen Schulden auf, und eine verbindliche Schuldenbremse zogen Böhmer und Bullerjahn von 2020 auf 2013 vor.

          Auch Bullerjahn, der Spitzenkandidat der SPD, der vor fünf Jahren Wolfgang Böhmer (CDU) im Kampf um das Amt des Ministerpräsidenten unterlag, lobt Böhmer. Stets sei er verlässlich und fair umgegangen mit seinem Koalitionspartner SPD. Böhmer habe dem Land gutgetan. Selbst wenn man streitlustig in eine Kabinettssitzung gegangen sei, habe er den Zorn durch seine Art abgebogen. Auch der SPD-Sozialminister Norbert Bischoff preist den Ministerpräsidenten von der CDU. Böhmer habe ihm bei seiner Amtsübernahme gesagt, wann immer er Probleme habe, könne er ihn anrufen - das empfand er als guten Rückhalt.

          Es ist kein Zufall, dass das Lob über den CDU-Politiker fast stärker aus der SPD zu hören ist als aus seiner CDU. Denn der Patriarch Böhmer fühlt und gebärdet sich so unabhängig wie wenige. Wichtig ist ihm nicht das Wohl seiner Partei, sondern das seines Landes Sachsen-Anhalt. In den neun Jahren seiner Amtszeit half er, dem jungen Bindestrichland zumindest in Ansätzen eine Landesidentität zu geben. Böhmer erreichte zwar nicht alles, was er vorhatte, aber dennoch nötigt seine Bilanz Respekt ab: Die Staatsfinanzen wurden konsolidiert; die Beamtenschaft verkleinert, die Verwaltung gestrafft, ebenso die Gemeindestrukturen. Auch wurde - vor allem im Süden des Landes, der geistigen Heimat des überzeugten Protestanten aus der Lutherstadt Wittenberg - die reiche Kulturlandschaft mit Sorgfalt gepflegt.

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