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SPD-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt : Bullerjahn und der Wille zur Macht

  • -Aktualisiert am

Mehr als nur dritte Kraft? Jens Bullerjahn und Matthias Platzeck Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

In Sachsen-Anhalt hängt die politische Zukunft allein von der SPD ab. Und kein Zweifel: Spitzenkandidat Bullerjahn will Ministerpräsident werden - auch wenn seine Chancen begrenzt sind.

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          Erst gegen Ende kommt die Frage, auf die jeder wartet: wie die SPD und ihr Spitzenkandidat Jens Bullerjahn es denn mit einer Koalition nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hielten und ob er entgegen seinen Versprechungen doch ein rot-rotes Bündnis anstrebe. Blitzschnell hält Bullerjahn den schwarzen Ärmel seines Jacketts neben die rote Bluse der Naumburger SPD-Landtagsabgeordneten Krimhild Fischer. Damit will er bekräftigen, dass die SPD die schwarz-rote Koalition mit der CDU nach dem 20. März fortsetzen möchte. Doch auch Bullerjahn selbst trägt ein Hemd in rötlichem Ton - und so lässt auch diese vermeintlich eindeutige Antwort noch Raum für Deutungen. Nicht zuletzt diese hintersinnige Gewitztheit trägt dazu bei, dass Bullerjahn laut Umfragen der neben dem aus dem Amt scheidenden Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer (CDU) beliebteste Politiker des Landes ist.

          Nach dem Spiel mit den Farben wird der Finanzminister und stellvertretende Ministerpräsident konkreter, sichert wiederum zu, die SPD werde nie einen linken Ministerpräsidenten wählen. Die Staatskanzlei könne man nicht einer Partei überlassen, der ein Parteiprogramm fehle, versichert er. Über den Spitzenkandidaten der Linkspartei, Wulf Gallert, äußert er sich freundlich - es sei ja allgemein bekannt, dass sie beide „Kumpel“ seien aus den späten Neunzigern, als die damalige PDS eine Minderheitsregierung der SPD im „Magdeburger Modell“ geduldet hatte.

          Gallert, sagt Bullerjahn, sei nie und nimmer ein Kommunist - falls er in der SPD wäre und nicht bei der Linkspartei, müsste man ihn eher dem Seeheimer Kreis zuordnen, also den konservativen Sozialdemokraten. Bullerjahn bekräftigt aber auch hier in Naumburg, er lege Wert darauf, nach der Wahl zwei Koalitionsoptionen zu haben. Wer die nächste Regierung stelle, werde erst auf einem Landesparteitag der SPD nach der Wahl beraten und entschieden.

          Wahlkampf in Sachsen-Anhalt: Einen Ministerpräsidenten der Linkspartei lehnt der links Abgebildete ab

          Der Umgang mit der Linkspartei nach der Wahl ist einer der Punkte, die in den letzten Wochen die Landtagswahl, die schon „gelaufen“ schien, wieder spannender machen. Dazu trägt bei, dass die SPD in der jüngsten Umfrage den Abstand zur Linkspartei weiter schmälern konnte. Zudem ist ungewiss, wie sich die jüngsten Entwicklungen - die Kommunismus-Debatte in der Linkspartei, der Rücktritt Guttenbergs, das Ende des Höhenflugs bei den Grünen - auf Wahlbeteiligung (in Sachsen-Anhalt lag sie bei der letzten Wahl im März 2006 mit 44,4 Prozent auf einem historischen Tiefstand) und Ergebnis auswirken. Eine niedrige Wahlbeteiligung könnte dazu führen, dass die NPD den Einzug in den Landtag schafft.

          Zur Unterstützung Bullerjahns ist dessen langjähriger Freund Matthias Platzeck aus Potsdam angereist. Bullerjahn bindet ihn ein in seine neue Form des Wahlkampfs. Reden an die schon Bekehrten, Marktauftritte und Hausbesuche gibt es in seinem Wahlkampf zwar auch, ihnen kommt aber nicht mehr die Bedeutung zu wie bisher. Vielfalt sei nun gefragt, um „andere“ zu erreichen - nicht nur über „Youtube“ und „Twitter“. Bullerjahn lädt zu einer „KulTour“ ein. An elf Orten lässt er sich durch eine Moderatorin, die durch eine Ratgeber-Sendung in einem Privatsender bekannt ist, befragen. Ihre Fragen, das ist Teil des Konzepts, sind Bullerjahn vorher nicht bekannt. Sie wechseln von Ort zu Ort ebenso wie das Kunstprogramm. Hier in Naumburg gibt es kurze Szenen von Nosferatu bis Wilhelm Busch, dargestellt vom Theater Naumburg, dem „kleinsten Stadttheater Deutschlands“.

          Naumburg: Die Hochburg der CDU

          Das Format setzt gezielt auch auf Vergnügliches, denn bei den üblichen Parteiabenden würden oft diffus Einzelpunkte angesprochen, die jeweils nur eine kleine Zahl der Anwesenden interessierten. Die SPD will aber vor allem „Außenstehende“ anlocken. Das gelingt manchmal besser als beabsichtigt: Zum Wahlabend in Naumburg kamen der Bundestagsabgeordnete der Linkspartei Roland Claus und deren Direktkandidat im Wahlkreis. Doch die „Feindbeobachtung“ bekümmert Bullerjahn nicht - zumal die SPD hier in Naumburg nur Außenseiterchancen hat.

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