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Sachsen-Anhalt : Zehn Gründe, warum die AfD durch die Decke schießt

3. Gleichgültigkeit und Undank

Der Ort mit der niedrigsten Wahlbeteiligung bei der vergangenen Bundestagswahl war Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Kommunalwahlen in dem Bundesland werden regelmäßig als Feste des Desinteresses begangen. Mit dem Fernbleiben von der Wahl wollen viele Nichtwähler ihre Verachtung für das politische System dokumentieren - ein politisches System, das zig Milliarden Euro für die Sanierung der Städte ausgegeben hat und viele weitere Milliarden für den Bau der Straßen, auf denen sie tagtäglich fahren. Ohne das Geld aus Westdeutschland würden auch die Nichtwähler noch heute durch verrottete Innenstädte laufen. Man kann lange darüber grübeln, worauf ein solcher Mangel an Einsicht über den Grund für den eigenen Lebensstandard beruht. Man kann die Sache aber auch einfach moralisch betrachten: als Undankbarkeit.

4. Sehr spezielle Jugendkultur

Schon oft wurde der Aufstieg der AfD mit dem Zorn älterer Herren erklärt. In Sachsen-Anhalt greift das nicht, denn dort ist die Partei vor allem bei den Jüngeren beliebt. Nach den Demoskopen ist sie bei den Wahlberechtigen unter 30 Jahren mittlerweile stärker als jede andere Partei. Wer nach einer Erklärung dafür sucht, dem sei ein kleines Experiment empfohlen: Man stelle sich in einer sachsen-anhaltischen Kleinstadt einfach eine Stunde lang auf den Parkplatz eines McDonald’s. In dieser Zeit wird man vermutlich gleich mehrere Fahrzeuge sichten, auf deren Heck sich Aufkleber mit Fäusten, Runen und Totenköpfen befinden.

Gerade auf dem Land hat sich eine Jugendkultur etabliert, die sich oberflächlich meist als unpolitisch verstehen mag. Die ästhetischen Bezüge zum Rechtsextremismus sind aber unübersehbar: Military-Look, Tattoos, Piercings und teilrasierte Schädel verbinden sich mit Hobbys wie Tuning, Paintball und Bodybuilding zu einer uniformen und männlich dominierten Szene. Die Grenzen selbst zu Neonazis fließen.

5. Abwanderung

Seit der friedlichen Revolution von 1989 hat Sachsen-Anhalt etwa ein Viertel der Bevölkerung verloren. Schon in den Jahrzehnten davor haben mehrere hunderttausend Personen das Land verlassen, darunter viele Akademiker. Vom Land ziehen vor allem die gutausgebildeten Frauen fort. Das hat wirtschaftliche und biologische Folgen. Und es nährt bei den Verbliebenen das Gefühl, abgehängt zu werden.

6. Keine Erfahrung mit Ausländern

Die Zahl rechtsextremer Straftaten in Ostdeutschland erklären Fachleute damit, dass es dort kaum Begegnungen mit Fremden gibt. In Sachsen-Anhalt trifft man Bürgermeister, in deren Orten kein einziger Ausländer gemeldet ist. Muslime bilden eine verschwindend kleine Minderheit. Im Zuge der Flüchtlingskrise begegnet den Menschen in Sachsen-Anhalt das Fremde jetzt häufiger in Gestalt von Asylbewerbern. An den Argumenten der politischen Linken, dass Flüchtlinge die Probleme der Abwanderung ausgleichen, zweifeln viele Bürger, vermutlich mit Recht. Der AfD spielen solche Scheinargumente in die Hände.

7. Strukturschwäche

Die Zahl der Arbeitslosen ist auch in Sachsen-Anhalt deutlich gesunken. Gleichwohl gibt es nach wie vor eine verfestigte Arbeitslosigkeit von bis zu 15 Prozent. Dabei waren viele der besonders betroffenen Landstriche einmal überdurchschnittlich wohlhabend. Die Magdeburger Börde bietet Ackerbauern seit Jahrtausenden beste Böden. Im Mittelalter blühten die Bergbauregionen des Harzes, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildeten sich zugkräftige Industrieregionen.

Die Teilung Deutschland traf Sachsen-Anhalt gerade deshalb noch härter als die anderen Länder Ostdeutschlands. Ungefähr die Hälfte der großen DDR-Kombinate stand in Sachsen-Anhalt. Nach 1989 wurden sie in großer Zahl abgewickelt, Zehntausende Arbeitsplätze gingen verloren, unzählige Erwerbsbiographien wurden zerrüttet. Das minderte das Vertrauen der betroffenen Familien in das neue politische System.

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