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Wahl in Sachsen-Anhalt : Ein Regierungschef auf Distanz zur Kanzlerin

Jede Stimme zählt: Haseloff bei einem Wahlkampfbesuch in einem Natursteinbetrieb Bild: Andreas Pein

Auf Wahlkampftour mit dem Ministerpräsidenten: Warum Reiner Haseloff in Sachsen-Anhalt vielleicht eines Tages in einem historischen Exkurs erzählen wird, wie er beinahe an Angela Merkel und der AfD gescheitert wäre.

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          Diese Veranstaltung aus dem aberwitzigen Terminkalender des sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten ist ganz nach dem Geschmack von Reiner Haseloff: Der Magdeburger Natursteinbetrieb Paul Schuster wird 130 Jahre alt. „Bevor ihr anfangt zu erzählen, mache ich hier mal die große historische Einordnung“, fällt Haseloff dem Unternehmenschef ins Wort.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Der CDU-Politiker ist in seinem Redefluss kaum zu bremsen und zappelt in der hölzernen Bauhütte zwischen Apollo und Herkules umher. Denn die steinernen Figuren, die hier herumstehen, stammen aus dem Park von Schloss Schönhausen an der Elbe, wo Otto von Bismarck „geboren und getauft“ wurde, wie Haseloff weiß.

          Haseloff-Exkurs Nummer eins: Der junge Bismarck hat dem Herkules mit der Schrotflinte in den Hintern geschossen. „Die Löcher im Hintern lassen Sie bei der Renovierung aber drin!“, fordert Haseloff den zuständigen Steinmetz energisch auf. Um die Dreiecksbeziehung zwischen Bismarck, Schönhausen und Sachsen-Anhalt wird sich auch Haseloff-Exkurs Nummer zwei ranken: „Ich habe letzte Woche im Bundesrat einen 16:0 Beschluss herbeigeführt“, sagt er.

          Das Errichtungsgesetz der Otto-von-Bismarck-Stiftung sei geändert worden, um dessen Geltungsbereich auf Schloss Schönhausen in der Altmark zu erweitern. „Jetzt seid ihr noch wichtiger!“, sagt Haseloff zu den steinernen Figuren. Ein weiterer Erfolg also für Sachsen-Anhalt, der Haseloff aufgrund seines regionalhistorischen Faibles ein wenig größer erscheinen mag, als er tatsächlich ist.

          Ihm fehlt das landesväterliche Image

          Haseloff hat sich im Wahlkampf mächtig angestrengt. „Ich habe in dieser Sache intime und persönliche Gespräche mit Otto von . . . äh, nein, . . . Wolfgang Schäuble geführt.“ Reiner Haseloff setzt Spatenstiche. Reiner Haseloff übergibt Förderbescheide. Reiner Haseloff gratuliert zu Drillingen. Solche Überschriften produziert Haseloff täglich mit Hingabe. Sein Leben als Ministerpräsident verbringt der 62 Jahre alte promovierte Physiker vornehmlich auf der Rückbank seines Autos. Es gibt vermutlich keinen Menschen in Sachsen-Anhalt, der Sachsen-Anhalt so genau kennt wie der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.

          Die Siedlungsgeschichte eines Ortes bis zurück in die Jungsteinzeit zu kennen gehört für Haseloff zu den Pflichtaufgaben seines Amtes. Haseloffs Problem ist allerdings, dass ihm das landesväterliche Image seines Vorgängers Wolfgang Böhmer bis heute fehlt. Böhmer wusste den Menschen mit seinem knorrigen Eigenwillen Ruhe und ein Gefühl der Geborgenheit zu geben. Haseloff hingegen wirkt auch nach fünf Jahren in der Staatskanzlei fahrig. Statt auf den Punkt zu kommen, flicht er fortwährend Exkurse ein, die vorzugsweise historischer Natur sind oder sich mit den Vorzügen einer Statistik gegenüber einer anderen Statistik beschäftigen.

          Für Kulturmenschen und Zahlenmenschen wie Haseloff können solche Exkurse, die Haseloff in schöner Regelmäßigkeit mit der Formulierung „Warum ich das jetzt erzähle:“ oder „Worauf will ich hinaus?“ in den Hauptstrom seines Redeflusses zurückleitet, sicherlich höchst interessant sein. Man wird jedoch nicht um die Feststellung herumkommen, dass sich der Politiker Reiner Haseloff mit seiner umständlichen Rhetorik bisweilen selbst im Weg steht.

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