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Wahl in Sachsen-Anhalt : Ein Regierungschef auf Distanz zur Kanzlerin

Sein Katholizismus ist deutlich mehr als nur Fassade

Der Fahrigkeit seines Auftritts entgegen steht Haseloffs Stetigkeit in anderen Bereichen. Die Familie des verheirateten Vaters zweier Kinder und Großvaters von vier Enkeln lebte bereits in Wittenberg, als Martin Luther noch gar nicht in der Stadt war. Wegen seiner schlesischen Mutter gehört Reiner Haseloff zu den ganz wenigen Katholiken in der Wiege der Reformation. Der Katholizismus Haseloffs ist deutlich mehr als eine gut gepflegte Fassade.

Seine entschieden christliche Gesinnung bestimmt das politische Denkens Haseloffs, das sich ansonsten an zwei großen Konstanten orientiert: zum einen der Überzeugung, dass Sachsen-Anhalts Zukunft nach den harten Zäsuren des 20. Jahrhunderts davon abhängen wird, größere Unternehmen anzusiedeln. Um das zu erreichen, haben die Ministerpräsidenten Böhmer und Haseloff gemeinsam mit Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) in den vergangenen zehn Jahren den Landeshaushalt mit großer Disziplin saniert.

Die zweite Konstante ist die parteistrategische Überzeugung, dass die CDU in Sachsen-Anhalt nur den Ministerpräsidenten stellen wird, wenn sie sich die SPD als Koalitionspartner gewogen hält. Als Regierungschef ist es dem früheren Wirtschaftsminister Haseloff gelungen, zu den sozialdemokratischen Ministern verlässliche Arbeitsbeziehungen aufzubauen und einen Koalitionskrach wie in Thüringen zu verhindern.

Die etablierten Parteien verschanzen sich

Haseloff weiß, dass die SPD-Spitzenkandidatin Katrin Budde vermutlich ein rot-rot-grünes Bündnis schmieden würde, wenn sie die Gelegenheit dazu bekäme. Bis zum Sommer schien das auch die wahrscheinlichste Option. Haseloffs Chancen, weiter in der prächtigen Staatskanzlei in der Hegelstraße zu residieren, stiegen erst mit dem Aufkommen der AfD.

Innerhalb von nur sechs Monaten hat sich die AfD in den Umfragen von fünf Prozent auf bis zu 19 Prozent verbessert. Das änderte alles: Inzwischen muss Haseloff froh sein, wenn die etwas mehr als dreißig Prozent Zustimmung für seine Partei in den Umfragen zusammen mit der auf 15 Prozent abgestürzten SPD für eine Mehrheit im Landtag ausreichen.

Die Flüchtlingskrise stellt Sachsen-Anhalt nicht nur vor ein arithmetisches Problem bei der Koalitionsbildung. Sie deckt auf, wie dünn das Fundament ist, auf dem das politische System der Bundesrepublik im Osten Deutschlands steht. Statt sich auf die Marktplätze zu stellen, verschanzen sich die etablierten Parteien bei Veranstaltungen vorzugsweise in Sälen und Hotels, hinter Anmeldeformularen und Sicherheitsschleusen.

Haseloff schätzt Seehofer

Vom Steinmetz mit den Bismarck-Figuren lässt sich Reiner Haseloff zum nächsten Termin kutschieren. „Mein Büro und meinen Lebensraum“ nennt Haseloff den Fond seiner Limousine. Nacheinander oder auch gleichzeitig bearbeitet Haseloff dort Akten, sichtet Briefe, wechselt die Schuhe oder rasiert sein Gesicht. In knapp einer Stunde wird er zusammen mit Horst Seehofer in Halle an der Saale auf der Bühne stehen. Der CSU-Vorsitzende kommt nach Sachsen-Anhalt, um Wahlkampfhilfe zu leisten. Haseloff schätzt Seehofer. Auf den bayerischen Ministerpräsidenten sei Verlass, schwärmt er.

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