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Linke in Sachsen-Anhalt : Ein Opfer der Flüchtlingskrise

Alle guten Dinge sind drei: Wulf Gallert tritt in Sachsen-Anhalt wieder als Spitzenkandidat der Linkspartei an. Ob es diesmal für eine Regierungsbeteiligung reicht, ist angesichts des AfD-Erfolgs fraglich. Bild: dpa

Vor einem Jahr galt Wulf Gallert von der Linkspartei als zukünftiger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt - doch dann kamen die Flüchtlingskrise und der Aufstieg der AfD.

          Herr Gallert, meine Stimme haben Sie!“, ruft die Frau mit der geblümten Bluse und springt von ihrem Platz auf, als Wulf Gallert das Café am Bernburger Karlsplatz betritt. Die Worte hellen seine Laune sichtbar auf. Die Begeisterung Gallerts über die Begeisterung der Frau klingt allerdings auch rasch wieder ab, als diese beginnt, über „dieses westdeutsche Wahlsystem“ herzuziehen. Gallert guckt auch beklommen, als die Frau im Anschluss daran erklärt, warum sie es nicht nachvollziehen könne, dass Menschen aus den schönen Plattenbauten in Halle-Neustadt ausziehen und sich stattdessen in den sanierten Bauten der Altstadt Halles einmieten.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Dem Spitzenkandidaten der Linkspartei mögen solche Präferenzen persönlich fremd sein. Aber zur Wahrheit der Landtagswahl am 13. März gehört auch, dass die Stärke der Linkspartei in Sachsen-Anhalt noch immer zu einem Gutteil auf einer Wählerschaft beruht, die bis heute sehnsuchtsvoll der DDR nachhängt.

          Den Vorwurf, dass er selbst mit der sozialistischen Vergangenheit nicht gebrochen hätte, muss sich Gallert im Wahlkampf nicht einmal von der CDU anhören. Der 52 Jahre alte Pädagoge gilt als einer der Politiker, die bewirkt haben, dass die Linkspartei in Sachsen-Anhalt seit Jahren als relativ unideologische, pragmatische Bewegung auftritt. Gallert, der als junger Mann einst der SED angehörte, sitzt seit mittlerweile 22 Jahren als Abgeordneter im Magdeburger Landtag. Von Anbeginn setzte Gallert nicht auf Opposition, sondern auf Mitgestaltung. Im „Magdeburger Modell“, der von der PDS tolerierten SPD-Minderheitsregierung von 1994 bis 2002, war Gallert bereits der Strippenzieher.

          Seit dem Scheitern dieses Modells versucht Gallert, selbst Ministerpräsident zu werden. Die Landtagswahl am 13. März ist bereits sein dritter Versuch als Spitzenkandidat. Gallert hält sich zwar bedeckt, aber Beobachter sind sich sicher, dass es einen vierten Versuch nicht geben wird. Im Landtag sei Gallert anzumerken, dass er seine Reden als Oppositionsführer langsam selbst nicht mehr hören könne.

          Und dann kam die Flüchtlingskrise

          Die Voraussetzungen für einen Erfolg Gallerts sind - zumindest im Prinzip - allerdings günstig wie nie zuvor. Sowohl die Grünen als auch die SPD signalisieren Bereitschaft, nach Bodo Ramelow in Thüringen den zweiten Ministerpräsidenten der Linkspartei zu wählen. Und die Linkspartei räumt parteiintern Hindernisse für ein solches Bündnis aus dem Weg: Gudrun Tiedge, die als Jugendstaatsanwältin und Stasi-IM der SED-Diktatur eine tatkräftige Stütze war, wird dem künftigen Landtag nicht mehr angehören. In einem Vier-Parteien-Parlament mit Linkspartei, SPD, Grünen und CDU hätte Wulf Gallert so gute Aussichten, den Haustürschlüssel der Staatskanzlei bei sich in der Hosentasche zu tragen. Vor kaum einem Jahr galt das auch als wahrscheinlichstes Szenario.

          Doch dann kamen die Flüchtlinge. Wie die Bevölkerung in Sachsen-Anhalt auf diesen Zustrom reagiert, bekommt Gallert bei seinem Rundgang in Bernburg auf Schritt und Tritt zu spüren. Landesvorsitzende Birke Bull, die in der Kleinstadt als Direktkandidatin antritt, hat sich für ihren Spitzenkandidaten ein „Experiment“ ausgedacht. Statt an einem Wahlkampfstand herumzustehen und Kugelschreiber zu verteilen, soll Wulf Gallert von einem Geschäft ins nächste ziehen und mit dem Personal ins Gespräch kommen. „Das ist ein Experiment“, sagt Birke Bull. „Ich weiß nicht, was passiert.“ Den Ausgang dieses Experiments wird Gallert später „bedrückend“ nennen.

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