https://www.faz.net/-gpf-8et0c

AfD-Hochburg Querfurt : Das fremdenfeindliche Städtchen ohne Ausländer

  • -Aktualisiert am

Idyllisches Dorf ohne Ausländer, aber mit viel Angst vor Fremden: Querfurt in Sachsen-Anhalt Bild: Picture-Alliance

In Querfurt in Sachsen-Anhalt hat bei der Landtagswahl jeder dritte Wähler für die AfD gestimmt. Ein Blick hinter die Kulissen einer Kleinstadt, in der nur jeder 550. Einwohner Flüchtling ist, die aber viel Angst vor Fremden hat.

          Schon auf der Hinfahrt fühlt man sich als Fremder nicht willkommen. In der Konditorei am Busbahnhof von Röblingen am See, von wo aus man nur per Bus oder Privatauto nach Querfurt gelangen kann, trinken die Fahrgäste gerne einen Kaffee, um die Wartezeit zu überbrücken. Freundlich erklärt einem die Bedienung, eine ältere Frau mit typisch sächsischem Akzent, wann der nächste Bus fährt. Auch den Kaffee serviert sie mit einem Lächeln. Fragt man jedoch, ob man die Toilette benutzen darf, schüttelt sie entschieden den Kopf. „Das ist schließlich eine Konditorei“, sagt eine Frau, die auch im Café wartet. Sie nickt in Richtung andere Straßenseite, „versuchen Sie’s doch mal beim Türken, der hat einen Dönerladen.“ Soll der Fremde doch beim Ausländer austreten.

          Auf der Busfahrt nach Querfurt sind die Straßen von den blauen Plakaten der AfD gesäumt. „Es reicht!“, steht darauf, „Grenzen sichern!“, „Asylchaos stoppen!“. Allein: Wo ist das Asylchaos in der 11.000-Seelen-Kleinstadt, die gleich mehrere Kaninchenzüchtervereine, aber kaum Ausländer beherbergt? Oft sieht man in Querfurt tagelang nicht einen Migranten. Trotzdem war der Anteil von AfD-Wählern in dem Städtchen, das vor allem durch die größte Burganlage Mitteldeutschlands bekannt ist, bei den Landtagswahlen der zweithöchste. Auf Platz eins lag Bitterfeld, ebenfalls eine Stadt in Sachsen-Anhalt.

          Wenig Ausländer, hohe Arbeitslosigkeit

          Nicht nur der Linken-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat Bernd Brix kann sich nicht erklären, wie die AfD ihre populistischen Aussagen legitimieren kann. „Wir haben in ganz Querfurt weniger als 100 Ausländer“, sagt der Stadtrat, „das Flüchtlingsproblem und die damit verbundene Angst werden geschürt.“ Nicht die Migranten seien die Personen, die Probleme verursachten, sondern diejenigen, die die Brandanschläge auf die Flüchtlingsunterkünfte rund um Querfurt verübt hätten. „Und das sind garantiert keine Asylanten.“

          Ein Drittel der Kleinstadt hat am Sonntag die AfD gewählt. Woher kommt diese Fremdenfeindlichkeit? Brix ist wie seine Frau Lehrer und kennt die lokalen Sorgen. „Triftigere Probleme als die wenigen Flüchtlinge sind die roten Zahlen, die wir seit Jahren schreiben und die hohe Arbeitslosenquote von über elf Prozent.“ Seit der Wende sind die Arbeitsplätze auch in Querfurt immer rarer geworden und die Abwanderung immer größer. Das schafft existenzielle Sorgen und fördert rechtsextreme Kreise. Auf der Website der Grünen im Saalekreis steht, dass es in Querfurt eine beachtliche Naziszene gebe, gegen die unbedingt vorgegangen werden müsse. Brix weiß von diesen Kreisen. „Neonazis haben hier einen sehr großen Einfluss. Das fängt schon in der Schule an, mit unangemessener Kleidung und rechtsextremen Gepflogenheiten.“

          Wie sieht das die AfD, die mit Parolen wie „Ist es Ihnen auch zu bunt“ um Wähler buhlt? Wählt man die Telefonnummer auf der Website der AfD Sachsen-Anhalt, nimmt eine Frau ab, die „keine Fragen beantworten möchte“ und legt gleich wieder auf. Auch unter der Nummer der Bundespartei landet man auch beim sechsten Mal in der Warteschleife. Selbst AfD-Mann Gottfried Backhaus, der am Sonntag als Direktkandidat für den Wahlkreis Querfurt in den Landtag gewählt wurde, nimmt sein Telefon von morgens bis abends nicht ab und ruft auch dann nicht zurück, wenn man ihm auf die Mailbox spricht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vor Wahl in Brüssel : So kämpft von der Leyen um Stimmen

          Zu vage und nicht ehrgeizig genug: Für ihren Auftritt vor dem EU-Parlament musste von der Leyen von vielen Seiten Kritik einstecken. Die CDU-Politikerin reagiert mit detaillierten Strategien – vor allem im Klimaschutz. Hilft ihr das so kurz vor der Wahl?

          Geplante Digitalwährung : Wie Facebook für Libra werben will

          Facebook plant mit Libra eine Digitalwährung, die das Bezahlen revolutionieren soll. Die Kritik daran ist groß – besonders in Washington. Nun will der Konzern seinen Skeptikern entgegenkommen. Und zugleich eine Warnung aussprechen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.